Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377446
SCHLUSS. 
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Zunftpedanterey, durch Überschätzung von blossen Hülfskenntnissen, 
durch Prunk und Wetteifer in deren Darlegung, herbeigeführt wurde. 
Es hat demnach diese einzig einzuräumende ausschliesslich künstlerische 
Kennerschaft doch ihre missliche, ihre gefährliche Seite und kann von 
dem richtigeren Bestreben ableiten, auf das menschliche Dasein durch 
Anregung der Phantasie, durch Stimmung des Gemüthes und Erhebung 
der Seele einen wohlthätigen Einfluss zu erlangen. Eine Kunst ohne 
allgemeinen Werth wird aus Vorurtheil oder Gewöhnung, als ein con- 
ventionelles Erforderniss der Sitte und des Luxus geduldetfdoch nicht 
geliebt, nicht herangebildet werden, wie die neuerelKunst bis Raphael 
von einer ungelehrt empfänglichen Menge. 
Nehmen wir aber an, der Spruch umfasse die stets zahlreiche 
Klasse der missglückten Künstler, der Klimperer und Stümper, so be- 
ruht offenbar deren Competenz zum ausschliesslichen Kunsturtheile 
nicht, wie bei jenen, auf eigenem Productionsvermögen, sondern auf 
den Beobachtungen und Reflexionen, zu welchen ihre vergeblich ge- 
bliebenen Bemühungen die Veranlassung herbeigeführt haben. Sie 
stehen demnach, als blosse Empiriker, dem wahren, sinnvollen Kunst- 
freunde, der ebensowohl mit Schärfe beobachtet, mit Nachdenken ge- 
sehen haben könnte, eigentlich ganz gleich. 
Ich billige nicht, dass man ohne angebornen Beruf zur Kunst, 
ohne hinreichenden Umfang der Kunde, sich daran mache, wie es ge- 
schieht, Kunstwerke zu bcurtheilen, für welche man keinen Standpunkt 
gefasst hat, ästhetische Gemeinpläitze, deren Verbreitung in unseren 
Tagen dem Geschmacke mehr Nachtheil bringt, als man denkt, auf die 
ersten sich darbietenden Gegenstände anzuwenden.     Aber sind 
denn die technischen Erfahrungen und Feinheiten, die Einsichten und 
Selbstkenntnisse, welche, da selbst der Genius derselben nicht ent- 
behren kann, für den Künstler gewiss eine hohe Wichtigkeit haben, 
das letzte Ziel, der eigentliche Zweck der Kunst? Sind sie nicht viel- 
mehr blosse Hülfsmittel der Versinnlichung dessen, was jede offene, 
edle, gebildete Seele erfreuen, begeistern, hinreissen soll? Wer denn 
hat ein Recht zu entscheiden, wo es das Allgemeine, das rein Mensch- 
liche gilt? Nicht der Zunftgenosse als solcher, wie hoch, wie niedrig 
er im Handwerke stehen möge, sondern der unbefangenste, reinste, 
besonnenste Mensch, möge er Künstler, möge er dem äusseren Be- 
rufe nach sein, was er ist. 
Den ganzen Werth, die belebende Kraft eines solchen Beifalls 
können freilich nur solche Künstler ermessen, denen jemals die Freude 
zu Theil geworden, durch deutliche Vergegenwärtigung wür-
        

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