Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1375009
B. DIE AUS DER THATSACHE DER NACHAHMUNG FOLGENDEN KUNSTPRINZIPIEN. 
Denn dieses Bild musste naturgemäss mit dem Leibe des Verstorbenen 
möglichst vollkommen identisch sein, und zwar in jeder Beziehung 
identisch sein. „Es sind dies" aber "Anschauungen, welche keineswegs 
bloss bei den Ägyptern vorkommen; dem Ka ihrer funerären Inschriften 
entspricht vielmehr völlig, was die griechischen Dichter das eiötukov, 
das "Abbild", und die Römer die umbra, den "Schatten" des Ver- 
storbenen nennenf") Die Kunst ist von Anbeginn monumental, d. h. 
sie dient zur Aufbewahrung von Erscheinungen, denen wir aus irgend 
welchen Gründen Verehrung zollen, welche wir bei der Vergänglich- 
keit der Dinge festhalten möchten. Der Grund der Verehrung braucht 
aber gar nicht darin zu liegen, dass die Erscheinung eine schöne ist; 
bei Vorfahren, Fürsten, grossen Staatsmännern ist dies keineswegs der 
Fall; wenn es jedoch der Fall ist, so liegt eine speziell ästhetische 
Monumentalität vor. 
Es ist für die Auffassung der Kunst überhaupt entscheidend, wie 
man sich das Verhältnis von Realismus und Idealismus denkt. 
Nach der unsrigen haben im Ganzen genommen beide Prinzipien 
ausschliessende Bedeutung für die Kunstf) d. h. die in ihrer Tota- 
lität hässliche Erscheinung wird verworfen, nicht minder aber die 
unwahre, wenn auch dadurch schöne Vorstellung. Die "Idealisierung" 
ist bei gegebenen Gegenständen einfach ausgeschlossen. Sie wirkt 
wie jede Lüge widerlich und darum unschön, an monumentalen Kunst- 
werken trägt sie den Makel einer gewissen Pietätlosigkeit. In dieser 
Gestalt war der grosse Mann gross und nicht in einer beliebigen an- 
deren. Es besteht jedoch die Möglichkeit einer schönen Darstellung 
von an und für sich hässlich bleibenden Gegenständen. Übrigens 
kommt es lediglich darauf an, was das einzelne Kunstwerk für einen 
Zweck hat, und es kann ihm eben ein bloss realistischer Zweck gesetzt 
sein. Ausserdem gelangt die blosse Realisierung einer Vorstellung mit 
einer gewissen Bedeutendheit dieser letzteren zu gleicher Bedeutung. 3) 
Ein schmutziger Bettler ist und bleibt ein sehr unwürdiger Gegenstand 
der Kunst; aber das Ideal von Scheusslichkeit, welches in einem 
Drachen eigentlich verkörpert sein soll, ist eine Aufgabe für dieselbe, 
Bildnisse hervorgebracht hat; doch in allen Landen sind freilich Meisterwerke etwas 
Seltenes". (Perrot a. a. O. S. 574). 
1) Perrot a. a. O. S. 132. 
2) Gegenseitig schliessen sie sich natürlich nicht aus, sondern können zusammen- 
wirken und sollen es. 
3) Goethe äussert einmal, die Poesie dürfe auch "das Bedeutende" darstellen, 
die bildende Kunst nur das Schöne. Aber die NVirkung in der Phantasie ist für 
beide Künste gleich.
        

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