Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377427
SCHLUSS. 
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schliesslich auch von der Gattungsidee. Vorausgesetzte Vorstellungen 
darstellen aber nennen wir eben nachahmen, wenn dieselben ganz 
oder in ihren Bestandteilen durch die Wahrnehmung von Erschei- 
nungen der Natur erfahren sein müssen. Man könnte sagen, schön 
sei jede Erscheinung, welche keinen einer vorausgesetzten Vorstellung 
widersprechenden Zug enthält, schön sei also ihre Einheitlichkeit, 
mithin immer wieder das Gattungsmässige, Typische. Allein dies 
ist doch nur dadurch der Fall, dass hier die vollkommenste Deut- 
lichkeit herrscht , indem zum Wohlgefallen eine Bekanntschaft mit 
dem nachgeahmten Gegenstand in seinem höchst individuellen, 
vielleicht widerspruchbehafteten Wesen nicht erfordert ist, während 
diese Einheitlichkeit bei allem was Bildnis heisst nichts mehr zu 
sagen hat. 
Wir haben die Berechtigung der Kunst anerkannt, sich nicht auf 
die Gattungsidee zu beschränken, sondern konkrete Ideen aller Art 
darzustellen. Hierin liegt der Fortschritt der modernen Kunst gegen 
die antike, welche sich im engsten Zirkel um die Gattungsidee be- 
wegte, aber auch ihre Gefahr, indem sie sich mehr und mehr in das 
Gebiet des bloss Wahren zu verlieren droht. Wenn es aber, um 
mit ästhetischer Berechtigung konkrete Ideen darstellen zu dürfen, 
notwendig ist, dass wir in der Lage sind, diese Ideen und ihre Be- 
standteile schon vorauszusetzen, so folgt daraus, dass der Künstler von 
den Vorstellungen, welche andere Menschen als er selbst davon haben, 
nicht abweichen darf, dass er mit Aussicht auf Erfolg nicht subjektiv 
individuelle Ideen darstellen kann, sondern nur solche, die der Allge- 
meinheit angehören. Darum hat die Allgemeinheit einen unbestreit- 
baren ideellen Anteil an der Produktion der Kunstwerke, welchen sie 
durch ihre Nachfrage dem künstlerischen Angebot gegenüber materiell 
geltend zu machen in der Lage ist, wenngleich das Verdienst, die 
Ideen gefasst und in die wirkliche Erscheinung versetzt zu haben, 
allein dem Künstler gebührt. Der gemeinsame Boden aller ist die 
Objektivität der Erscheinungswelt und die Gleichheit des Lebenszwecks 
und der Bedürfnisse; darum giebt es keine subjektive Kunst, sie ver- 
ewige denn die Subjektivität aller. Wenn ich hierüber noch einige 
Worte sagen möchte, so weiss ich nichts besseres zu thun, als zu 
wiederholen, was Rumohr am Schlusse seines von uns mehrfach an- 
geführten Werkes im Jahre 1827 bereits auszusprechen für nützlich 
befunden hat. „Ich verkenne nicht," sagt er, "dass man den Künst- 
lern den NQth- und Hülfsruf, dass nur Künstler künstlerische Leistungen 
beurtheilen könnten, von verschiedenen Seiten aufgedrängt hat     
Alt, System der Künste, 17
        

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