Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377389
DIE 
REDEKUNST. 
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ankündige und statt dessen ein Spiel der Einbildungskraft gebe. Der 
Redner kann ein solches blosses Spiel treiben; allein wenn er Wahres 
wahrhaftig vorträgt, so hört die Rede darum doch nicht auf, ein 
Kunstwerk zu Sein; Kant meinte, die Rede müsse, um ein Kunst- 
werk zu sein, durch den schönen Schein den Hörer hintergehen, 
während die Rede doch nur für die ästhetische Beurteilung notwendig 
"Schein" bezw. blosse Erscheinung ist. Er unterscheidet von der 
Beredsamkeit die „Wohlredenheit (Eleganz und Stil)"; aber diese 
Einteilung ist nicht haltbar, aus demselben Grunde. I)  
Man muss vielmehr von der Beurteilung einer Rede aus dem 
praktischen Gesichtspunkt die ästhetische Beurteilung unterscheiden, 
obgleich der praktische Zweck die dem Kunstwerk zugrunde liegende 
Vorstellung ist. Dies äussert sich darin, dass die Rede sofort als in- 
teressiert erscheint, sobald etwas lügnerisches an ihr ersichtlich wird: 
die Lüge ist auch hier unästhetisch. Damit ist aber bewiesen, dass 
nicht die Redekunst an sich verwerflich sein kann, sondern eben nur 
ihr Missbrauch. Freilich werden wir verhältnismässig selten in der 
Lage sein, aus der Rede selber eine Tlntstellung der Thatsachen zu 
erkennen, und dann wird thatsächlich das ästhetische Urteil mit dem 
rein praktischen, nichtsittlichen, zusammentreffen. Aber dafür kann 
man die Kunst nicht verantwortlich machen. Lehrt man sie ästhetisch, 
so wird die ganze Lehre von jenen schlechten Kunstgriffen wegfallen, 
weil dieselben ästhetisch gänzlich bedeutungslos sind, während sie in 
der praktischen Lehre die grösste Rolle spielen müssen, sei es auch 
nur, um sie bekämpfen zu lernen. S0 liegt das Verhältnis von ästhe- 
tischer und thatsächlicher Zweckmässigkeit in der Redekunst. Bei uns 
in Deutschland pflegt es durchschnittlich den Rednern nicht zu ge- 
lingen, durch Schönrednerei den wahren Sachverhalt zu verschleiern 
und die Hörer zu falschen Urteilen und Entschliessungen hinzureissen; 
wenn es einmal geschehen sollte, so wird diese Verquickung vom 
Scheine der Kunst mit der Wirklichkeit ein Anzeichen des Niedergangs 
der Nation sein, wie sie es bei Griechen und Römern gewesen ist. 
Vergl. K a n t , 
ästh. 
Urteilskraft" S8
        

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