Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377350
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SCHLUSS. 
druck des äusseren Zwecks heranziehen wird. Auch der Rococostil soll 
Verwendung finden. Wenn aber in letzter Zeit einige Architekten, um 
dem Bedürfnis nach Wechsel entgegenzukommen, sich nicht gescheut 
haben, die Ausschreitungen der Barockzeit nachzuahmen, so sind wir 
es uns schuldig, dagegen Protest einzulegen; denn soweit sind wir 
noch nicht, dass wir den späten Barockstil als einen Ausdruck der 
Lebensthätigkeit der Nation anerkennen müssten. Ob wir es wollen, 
das ist heute mehr eine Frage des Charakters als der Einsicht. Die 
vernünftige, geistig gesunde Handhabung allein kann die verschiedenen 
Baustile, welche uns vorliegen, zum Ausdruck unseres eigenen Wesens 
machen, und hohe Vortrefflichkeit der einzelnen Leistungen sei das 
Ziel der Künstler. 
Als Gottfried Semper sein grosses Werk über den Stil schrieb, 
warf er die Frage auf, ob die derzeitige Verwirrung auf dem Gebiete 
der Architektur das Anzeichen eines allgemeinen Verfalls oder eines 
sich vorbereitenden Aufschwungs sei. Er antwortete darauf: „Die 
erstgenannte Hypothese ist trostlos und unfruchtbar, weil sie dem 
Künstler, der ihr huldigt, jeglichen Halt bei seinem Streben versagt; 
denn eine zusammenstürzende Kunstwelt zu stützen, dazu sind eines 
Atlas Kräfte zu schwach. Die zweite Hypothese dagegen ist praktisch 
und fruchtbar, gleichviel ob begründet oder irrig an sich selbst." Erst 
wenn wir uns selbst aufgeben, sind wir ganz verloren; die letzte Be- 
wegung der Architektur lässt dies beinahe befürchten. Vielleicht ist 
es mir gelungen, zur Befestigung gesunder Tendenzen etwas beizu- 
tragen, indem ich zeigte, welche Wege wir einschlagen können und 
welche uns verschlossen sind. Wir dürfen aber hoffen, unsere Natio- 
nalität in unseren Werken auszusprechen, weil unsere transscendentale 
Eigentümlichkeit sich geltend machen wird, ohne dass wir es selbst an- 
streben oder nur bemerken.
        

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