Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377346
SCHLUSS. 
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vergangenen Zeit, Welche wenig Ähnlichkeit mit der unsrigen hat, 
Die Ordnungen der Griechen waren im Prinzipe gleich und deshalb 
vereinbar; nicht dasselbe gilt von ihnen und der Gotik. Dieselbe an- 
gewandt auf Häuser ist strenggenomrnen gar keine Gotik mehr, son- 
dern gotische Verzierung. Nur das idealistische Bauprinzip gewährt 
volle Freiheit zur Lösung beliebiger Aufgaben. Daher wird eine 
Kulturepoche, deren Lebensthätigkeit eine allseitig entwickelte, harmo- 
nische und freie ist, schwerlich je einen anderen als diesen Stil be- 
nutzen, welchen wir den klassischen nennen können. Damit lässt sich 
die Thatsache vergleichen, dass das Recht bei allen Kulturvölkern der 
Neuzeit im grossen ganzen dieselbe Gestalt annehmen musste, welche 
die Hochkultur der Römer auf griechischen Grundlagen erstmals zur 
Reife gebracht hat. Nunmehr haben wir einen höheren Standpunkt 
gewonnen, von welchem aus die Klage darüber, dass wir in ausgetre- 
tenen Geleisen wandeln müssten, als ungerechtfertigt erscheint. Es 
wäre sinnlos, von jeder neuen Generation zu verlangen, dass sie sich 
eine eigene Sprache bilde. Der Baustil, wegen dessen am meisten 
gegen die klassische Bauweise gestritten wird, ist uns gar nicht natio- 
naleigentümlich, er steht uns nicht näher, als jeder andere. Neu 
können aber immer noch sein die individuellen Leistungen, 
für welche ein unbegrenzter Schatz von konkreten Ideen 
bereit liegt. Wir sind dabei keineswegs gehalten, die historischen 
Baustile in sklavischer Nachahmung ihrer Werke nach ihrem subjek- 
tiven Prinzipe („stilgerecht" im subjektiven Sinn) zu handhaben, son- 
dern es handelt sich darum, dieselben mit Meisterschaft dem idealisti- 
schen Prinzipe der Baukunst unterzuordnen. So tritt an die Stelle 
des unfreien der freie Eklektizismus. Genau in derselben Weise sind 
die Griechen mit den Baustilen verfahren, welche sie vorfanden, nur 
dass es sich damals noch umldie Bildung der allgemeinen Formen- 
sprache handelte. Die moderne Architektur ist dagegen in ein Gebiet 
getreten, welches den Griechen, die über den Ausdruck der abstrakten 
Idee nicht weit hinauskamen, verschlossen war. Was kann die Er- 
findung neuer Baustile wiegen gegen den Reichtum an Aufgaben, 
welcher sich hier erschliesst, gegen die unbegrenzte Fülle der Gelegen- 
heit, eine souveräne Meisterschaft in harmonischen Schöpfungen zu 
bethätigen? Es giebt keinen geschichtlichen Stil, welchen wir uns 
nicht so zu Nutze machen könnten; die Gotik wird sich dabei freilich 
am sprödesten verhalten. Dem Barock- und Rococostil ist sie inner- 
lich so fremd, dass auch die äusserlichste Verbindung blosser Orna- 
mente beider Art unser Gefühl verletzt. Diese Stile haben teilweise 
eine symbolisierende Eigenschaft, in welcher man dieselben zum Aus-
        

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