Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377331
IR haben gefunden, dass eine Mehrzahl der Baustile möglich 
 ist, indem man den Schwerpunkt der ästhetischen Be- 
 trachtung verlegt und von einem Ausdruck der Zweck- 
 thätigkeit vielleicht ganz absieht. Dies ist zweimal ge- 
-schehen: Die Gotik machte die nackte Werkform in ihrer thatsächlichen, 
rein objektiven Gestalt zum Gegenstand der künstlerischen Architektur; 
sie konnte dann noch wirken durch die räumliche Ordnung dieser 
Gestalt und durch Verzierung; aber sie war ausser Stande, der Idee 
einen reinen ästhetischen Ausdruck zu verleihen und hatte keine 
Kunstformen. Der Rococostil versuchte den struktiven Zusammenhang 
ganz fallen zu lassen und durch blosse Formen schön zu wirken. Beide 
Bauweisen stellen sich dar als einseitige Ausschreitungen; der eine 
bleibt hinter dem Ziel zurück, der andere schiesst darüber hinaus, beide 
haben das in ihrer Einseitigkeit Erreichbarägeleistet. Eine weitere 
von dem klassischen Stil prinzipiell verschiedene Darstellungsweise der 
Architektur ist nicht denkbar. Alle übrigen geschichtlichen Stile stellen 
sich dar als Vorstufen, Fortbildungen oder Rückbildungen dieses letz- 
teren oder lassen sich demselben wenigstens "einordnen, indem sie ent- 
weder dem idealistischen Prinzipe folgen oder ihm wenigstens nicht" 
zuwiderlaufen. Auch den Verfall der vbllständig ausgebildeten idea- 
listischen Baukunst haben wir bereits erlebt; wir sollten ihn uns zur 
Lehre dienen lassen. Ein neuer Stil im Sinn eines neuen Gestaltungs- 
prinzips bezw. einer neuen Auffassungsweise der Architektur kann 
nicht mehr erfunden werden. 
Es wäre nun denkbar, dass wir uns der gotischen und der idea- 
istischen Bauweise nebeneinander bedienen könnten; brachten doch 
auch die Griechen verschiedene Stile zugleich zur Anwendung. In der 
That haben wir den Bau jener hohen Dome, welche unsere Vorväter 
planten, pietätvoll zu Ende geführt und sie uns dadurch zu eigen 
gemacht. Ob dieselben aber deshalb Denkmale unserer Zeit sind, das 
st mehr als fraglich. Denn wir vermochten ihnen nicht das geringste 
Eigene hinzuzufügen, und sie sind das getreue Abbild einer längst
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.