Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377296
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
Sinn beigelegt haben, die Verwendung derselben seitens der Barock- 
künstler ein mehr oder weniger unverständliches Kauderwälsch dar- 
stellt; dass mindestens überall da, wo die Eigentümlichkeit des Barock- 
stils in der Handhabung der Formensprache hervortritt, der ideelle 
Zusammenhang derselben zerstört ist. Die Folge ist ein Gefühl des 
Unbefriedigtseins, des Ungenügens, welcheS Seiner Natur nach un- 
ästhetisch ist. Man hätte sich, um wieder relativ befriedigen zu kön- 
nen, unter Aufgabe aller ideellen Formen ganz in das Gebiet der 
formellen Schönheit begeben müssen, wie es der Rococostil in genialen 
Leistungen gethan hat.  
An diese Unwahrheit des Ausdrucks schliesst sich eine Unwahr- 
heit in der Gestaltung des Materials. Die Form des Schnörkels wider- 
spricht der inneren Natur des Steins, wenn sie das Gestaltungsprinzip 
geschichteter Mauern bildet, so wenig gegen diese Gestaltung der 
Oberfläche eines einzelnen Steinklotzes, wie bei der Konsole, einzu- 
wenden ist. Das statische Gesetz der Schwere, dieser hervorragenden 
Eigenschaft des Steinmaterials, erscheint für unser Gefühl als vertikale 
gerade Linie, jede lagernde Fläche als eine horizontale Ebene. Viel- 
leicht hängt damit ein Gesetz zusammen, wonach überhaupt nur ein- 
fache, leicht verständliche und bestimmt abgeschlossene Kurven in der 
hohen Architektur zur Verwendung gelangen dürfen. Die Fassung 
der ganzen Masse in weichlich geschwungene, aus- und einwärts ge- 
bogene Konturen ist sowohl materialwidrig, als für das blosse Form- 
gefühl durch seine Unbestimmtheit verletzend. Dies gilt auch für 
komplizierte Biegungen des Grundrisses, welche schliesslich, wie am 
Oratorio S. F ilippo Neri und anderen Werken des Borromini, ganz 
abscheulich aussehen. Dass der Grundriss des Gebälks übrigens ge- 
bogene Gestalt annehmen darf, haben wir zugegeben; auch vertikal 
mag sich ein Gesims biegen, wenn es in seiner ganzen Längenausdeh- 
nung auf einer entsprechenden Stütze aufliegt und die StirnHäche einer 
Bedachung bildet. Die vertikale Kurvatur des frei lagernden Balkens 
dagegen hat sich selbst der vorgeschrittenste Barockstil in Italien nicht 
zu Schulden kommen lassen. I) 
1) Sempers Urteil ging dahin: „In Italien nimmt die Renaissance einen noch 
unerfreulicheren Ausgang;  gegen das Ende des '16. Jahrhunderts kommen dort die 
hohen architektonischen Altaraufsätze in Aufnahme, gewaltige Bilderrahmen, an denen 
die bereits auf feste Kanons schematisch zurückgeführten Säulenordnungen, schwere 
monumentale Gebälke, verbunden mit Inkrustationen, kurz allen ersinnlichen Mitteln 
der Ausstattung verwandt werden. Das an und für sich arme Motiv gestattet keine 
einfache Entwickelung der Säulenrhythmik, welch' letztere unbedingt notwendig wird,
        

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