Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377284
VERHÄLTNIS 
DER 
GESCHICHTLICHEN 
BAUSTILE 
ZUR 
IDEE. 
243 
symbolische Beziehungen. Allein seine Nachfolger verhielten sich 
nicht lediglich subjektiv, sondern standen vielmehr unter bestimmten 
gemeinsamen Tendenzen. Diese äusserten sich nach Wölfflin!) zuerst 
in einer Steigerung der Grösse und Massenhaftigkeit, ferner der Ein- 
heitlichkeit, sowohl des ruhenden Raumes als der Gliederentwickelung, 
bei Vereinfachung und teilweiser Ausmerzung des Details. Darauf 
folgt ein fortschreitendes „Behagen an der dumpfen Ausbreitung der 
Masse.  Die Treppenanlagen werden so gesenkt, dass das Gehen 
unbequem wird. Dieses Nachgeben gegen die Schwere führt zu Er- 
scheinungen, wo die Form unter der Gewalt der Last wirklich leidet." 
An die Stelle des richtigen Verhältnisses von Kraft und Last tritt ein 
peinliches Ringen der ersteren, dessen Ausgang zweifelhaft ist. Die 
Materie wird „saftig und weich, das Harte und Spitzige wird abge- 
stumpft, das Eckige gerundet." Die ganze Mauermasse fangt an, sich 
zu bewegen, in einem aus- und einwärts geschwungenen, jede be. 
stimmte Begrenzung scheuenden Grundriss zu zeriiiessen. Es sind die 
Symptome der Auflösung eines Leichnams. Schliesslich „bricht die 
rohe Masse herein," ungeformte Felsblöcke treten an die Stelle von 
struktiven Gliedern. 
Die Gründe dieser Entwickelung des Stils hat Wölftlin (a. a. O. 
S. 58 ff.) in vorzüglicher lrVeise dargestellt. Nur möchte ich bemerken, 
dass es vielleicht besser wäre, den Geist ihrer Urheber zwiespältig und 
unbefriedigt  lasciv und asketisch zugleich  als ihn ernst zu 
nennen, und dass der formal-ästhetische Grund des Verlangens nach 
stärkeren F ormenreizen höchst wahrscheinlich neben der idealen Tendenz 
gewirkt hat, indem er sowohl von ihr eingeschlossen als ihr Anstoss 
gewesen sein kann. 2) Wir haben die neue F ormengestaltung ästhetisch 
zu beurteilen. Sie bestand hauptsächlich in der Nichtachtung der 
ideellen Formensprache zu Gunsten formeller Reize. Wir haben jedoch 
oben festgestellt, dass dieselbe eine unmittelbar verständliche ist. 
Solange man noch irgend welche ihrer Bestandteile, sei es auch in 
zerstückelter Gestalt, verwendete, konnte man dieselben daher un- 
möglich zum Schweigen bringen. Wenn aber jemand sogar die un- 
mittelbare Verständlichkeit leugnen würde, so müsste er doch zuge- 
stehen, dass für alle diejenigen, welche diesen Formen einmal einen 
I) Heinrich Wölfflin, "Renaissance und Barock," München 1888, S. 24 ff. 
2) Damit ist, Wie schon einmal, die Richtigkeit der Ausführungen Ad. Göllers 
in einer Beziehung anerkannt. Die Thatsache ist so einfach und selbstverständlich, 
dass eine exakte Darstellung ihrer Gründe, wie sie Gölier anstrebt, für die Ästhetik 
überflüssig ist.
        

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