Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377279
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ARCHITEKTUR. 
ein Bedürfnis nach Ruhe der Sinne und nach vermehrter Beschäftigung 
des verständigen Geistes einstellte. In diese Zeit fällt der tiefste Stand 
der bildenden Kunst, welchen die neuere Kunstgeschichte, ja vielleicht 
die Kunstgeschichte überhaupt kennt. Sein besonderes Kennzeichen 
ist der völlige Untergang der technischen Kleinkunst. Die Über- 
schätzung der geistigen Seite der Kunst führte zur Nichtberücksichti- 
gung und infolgedessen Unkenntnis der materiellen Bedingungen, unter 
welchen dieselbe ihre Werke hervorbringen muss, d. h. zu vollendeter 
Stillosigkeit; das Kunsthandwerk selbst aber wurde durch Mangel an 
Beschäftigung und durch andere, äussere Umstände politischer und 
sozialer Art ausser Stand gesetzt, in seinem Bereich Wenigstens eine 
Tradition der unabänderlichen Gesetze des Schaffens der technischen 
Künste festzuhalten. Allein es wäre unbillig, wenn man die ganze 
Schuld an diesen Verhältnissen dem Klassizismus aufbürden wollte. 
Er bildete vielmehr in seiner letzten Form nur die entschiedenste 
Reaktion gegen den tollgewordenen Subjektivismus des Barockstils und 
gegen den einseitigen Formalismus des Rococostils. Die Zerstörung 
des Gleichgewichts der bei der ästhetischen Anschauung der Werke 
der Baukunst notwendig beteiligten Seelenkräfte, ihr oppositionelles 
Auseinandertreten, bildete die wahre Ursache des Niedergangs; die 
zersetzenden Kräfte wirkten auf jener Seite. Ein neuer Aufschwung 
wurde erst möglich, als dieselben erschöpft waren; er musste bestehen 
in einer Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts, in dem Er- 
wachen eines gesunden Instinktes. Die Erhebung der griechischen 
Antike zum Ideal der Kunst war bezüglich der Architektur von einem 
doppelten Missverständnis begleitet; einmaldes Prinzips dieser Kunst, 
indem man nunmehr die griechischen Bauwerke allein für "klassisch" 
und organisch ansah; sodann des neuaufgefundenen Vorbildes selber, 
indem man sich "eine falsche Vorstellung von demselben machte. 
Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass mit dem Zurückgehen auf die 
Quelle der römischen Baukunst die neue Lebensthätigkeit anhob. 
Man musste noch einmal von vorne anfangen, um an die Stelle einer 
blossen Nachahmung der Antike und der Opposition des Subjektivismus 
gegen dieselbe ein freieres Schaffen nach ihren Prinzipien zu setzen. 
Der Name Schinkels bezeichnet die Wende der Entwickelung!) 
Michelangelo eröffnete den Barockstil dadurch, dass er die antiken 
Kunstformen seinem künstlerischen Belieben unterordnete. Er strebte 
Neues an teils im Gebiet der formellen Schönheit, teils vielleicht durch 
I) Vergl. 
Gurlitt, 
"Geschichte 
des 
Barockstiles 
Frankreich" 
303
        

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