Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377252
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
eine gewisse Armut, welche sich bei genauerer Betrachtung um so 
fühlbarer macht, je konsequenter die Prinzipien der Gotik befolgt sind, 
Das Ornament ist ganz überwiegend ein Produkt der niederen Stein- 
metzenkunst, höhere Leistungen der Plastik können daneben kaum 
jemals zur wünschenswerten Geltung gelangen. Man könnte deshalb 
sagen, der Stil sei eminent architektonisch. Dass der Stil ein wesent- 
lich deutscher sei, behauptet heute niemand mehr; man sollte aber 
auch nicht einmal sagen, er sei germanischer Stil, weil dabei jenem 
Gedanken doch eine Hinterthür geöffnet wird. Die zweifellos deutsche 
That im Bereich dieses Stils ist die Einführung der Hallenkirche, 
welche seinem Grundprinzip durchaus zuwiderläuft und eine Rückkehr 
zu dem natürlichen Ziele der Architektur, zur Idee des Hauses, be- 
deutet. Aber damit wurde die phantastische Schönheit des Äusseren 
schwer beeinträchtigt, I) ja vernichtet. Die gotische Formensprache 
ging jedoch allmählich den Deutschen in Fleisch und Blut über; für 
die Vertikaltendenz mag freilich die Enge der Strassen, also das mate- 
rielle Bedürfnis, allein entscheidend gewesen sein; denn die Geschosse 
der Wohnhäuser waren dabei stets sehr niedrig. Als man sich über 
die rohe Nachahmung und den Import der italienischen Renaissance 
zu einer selbständigen Auffassung des neueren klassischen Bauprinzips 
erhob, gelangte man zu einer Verschmelzung desselben mit der goti- 
schen Empündungsweise, welche in Gebäuden wie dem Friedrichsbau 
des Heidelberger Schlosses und dem Pellerhaus in Nürnberg die denk- 
bar höchste Vollendung erreichte. Das Masswerk der Gotik verwan- 
delte sich in das eigentümliche Flächenornament der deutschen Re- 
naissance. Die F iale wurde durch den Obelisk ersetzt. 
Maurzlvclz. 
In struktiver Beziehung war die maurische Baukunst teils keine 
selbständige, teils hat sie nur Unbedeutendes geleistet. Desto grös- 
seres erreichte sie in dekorativer Beziehung, vor allem durch die glän- 
zende Ausbildung des bloss formalen Flächenornaments (Arabeske, 
Teppichweberei). Man darf wohl dabei bleiben, dass das Verbot aller 
Naturnachahmungen durch den Koran diese Entwickelung anregte. 
Die Mauren führten den Spitzbogen in die Baukunst ein, ohne ihn 
jedoch zu konstruktiver Bedeutung zu erheben; ferner den Hufeisen 
bogen, dessen phantastische und nicht allzu zweckwidrige Gestalt für 
die Empfindungsweise des im ganzen höchst folgerichtigen und ein- 
heitlichen Stils einen typischen Ausdruck bildet. Das Profil des aus 
1) Vergl- 
Lübke
        

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