Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377198
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
Formensprache schlechterdings nicht behandeln lässt, der Turm. Denn 
die organische Idee des Hauses ist hier überhaupt aufgehoben: am 
Turm kann (abgesehen von der formalästhetischen Wirkung). nur der 
äussere und sehr äusserliche Zweck, einen hohen Aussichtspunkt zu 
schaffen oder eine möglichst grosse F ernwirkung aufgehängter Lärm- 
Werkzeuge zu erzielen, in Betracht kommen, aber nicht Tragen und 
Lasten. Die Architektur eines hohen und engen Turmes kann daher 
stets nur eine verzierende sein. Auch die Renaissance war trotz der 
vollendeten Freiheit ihrer Ausdrucksweise unfähig, den Turm in ihr 
Gestaltungsgebiet hereinzuziehen; wo sie es durch eine Etagengliede- 
rung versucht hat, sind wenig erfreuliche Gebilde entstanden. Wenn 
also, wie es geschah, der romanische Baustil den Turm zu einem 
hauptsächlichen Bestandteil seiner Anlagen machte, so konnte er dies, 
auch wenn er von den antiken Architekturformen ausging, nur dadurch 
bewerkstelligen, dass er ganz überwiegend in der blossen Werkform 
gestaltend thätig war und sich um den Ausdruck der ästhetischen 
Zweckmässigkeit nicht weiter bekümmerte. Dies ist der Punkt, wo 
die romanische Bauweise sich als die unmittelbare und notwendige 
Vorstufe der gotischen darstellt. 
Die nackte Werkform der Mauer umfasste das gesamte Äussere. 
Doch blieb dieselbe nicht ganz ungegliedert. Abgesehen von den 
Rundbogenfenstern und vielfach angewendeten Rundbogenblenden 
 die Seitenschiffe am Dom zu Worms sind damit in drei Geschossen 
ganz bedeckt  kommen in Betracht die Lisene n, welche als eine 
rahmenartige Mauerverstärkung, als eine Verkröpfung des Mauer- 
grundrisses, zu betrachten sind. Die Lisenen sind mithin etwas vom 
Pilaster völlig verschiedenes. Ohne Kapitell und Basis stehen sie 
ausserhalb der Bedingungen der organischen Proportion. Unter dem 
Kranzgesims wenden sie einfach im rechten Winkel zur Horizontale 
um. Weil aber die Mauer das Dach trägt, musste hier dennoch eine 
vertikale Richtung erzeugt werden; man bewerkstelligte dies, indem 
man die horizontale Mauerverstärkung im Rundbogen nach unten aus- 
zackte (Rundbogenfries). Als reicher krönendes Glied wurde an be- 
vorzugten Raumkörpern die Zwerggallerie unter dem Dache ein- 
geschoben. 
Keine dieser Formen Widerspricht direkt dem Kunstprinzip der 
Antike. Die Ornamentik hatte einen ausgesprochen nordischen, ger- 
manischen Charakter, allein dieselbe hat mit dem baulichen Prinzip 
nichts zu thun. Die eigentlichen Kunstformen der romanischen Archi. 
tektur waren den antiken nahe verwandt; es ist ganz warscheinlich, 
dass sich die Baumeister dieser Verwandtschaft ebensosehr bewusst
        

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