Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377165
VERHÄLTNIS 
DER 
GESCHICHTLICHEN 
BAUSTILE 
ZUR 
IDEE. 
231 
römischen Baukunst ganz gerecht zu werden. Zwar hat man einge- 
sehen, dass die grossartigen baulichenLeistungen der Römer den be- 
scheidenen der Griechen doch nicht schlechtweg untergeordnet werden 
können. Allein die meisten glauben immer noch, die römische Bau- 
kunst niCht loben zu dürfen, ohne dieses Lob an gewisse Vorbehalte 
zu knüpfen; die Theorie, auf welcher diese der unbefangenen Empfin- 
dung widersprechende Auffassung beruht, muss jedoch nach unserer 
systematischen Untersuchung als irrig bezeichnet werden. Lübke be- 
urteilt die römische Architektur folgendermassen: „Von jener idealen 
Höhe, Welche die griechische Baukunst einnahm, mussten wir bei Be- 
trachtung der römischen herabsteigen. Die griechische Baukunst führte 
uns aus den Bedürfnissen und Schranken des alltäglichen Lebens 
heraus; sie weilte in den freien, heiteren Gebieten, wo die ewigen 
Götter thronten. Die römische vermochte eine ähnliche Höhe nicht 
zu halten; sie verliess jene ideale Stellung, um sich gerade unter die 
Bedingungen und Anforderungen des praktischen Lebens zu begeben." 
Allein auch die Tempel der Götter entspringen einem Bedürfnis des 
menschlichen Lebens, und der allgemeine innere Zweck, der sich gerade 
bei den Griechen in hervorragendem Masse als formschaffend erwies, 
war von jenem konkreten äusseren gar nicht abhängig. Lübke fahrt 
fort: „Ohne jene geniale Schöpferkraft, die allein das Höchste hervor- 
zubringen fähig ist, wussten die Römer in ihrem vorwiegend verstän- 
digen Sinn zwar keine eigentlich neuen Formen zu schaffen; aber indem 
sie die alten Formen in neuer Weise verbanden, erzeugten sie ein 
neues System der Architektur, das in grossartigster Weise sich auf 
jede Gattung von Gebäuden anwenden liess    Ihre Baukunst macht 
den Mangel organischer Notwendigkeit durch ihre Vielseitigkeit und 
Grossartigkeit vergessen." Neue Kunstformen konnten aber auf dem 
gegebenen Boden gar nicht mehr erzeugt werden. Wenn die Römer 
den Weg gefunden haben, um das vorhandene Kunstformensystern 
auf jede Gattung von Gebäuden, auf Raumkörper aller Art anzuwen- 
den, so war diese Leistung wahrlich keine geringere als jene der 
Griechen, und es dürfte kaum angebracht sein, ihr alle Genialität ab- 
zusprechen. ja diese Leistung musste notwendig hinzukommen, um 
in der Architektur das Höchste hervorzubringen, nämlich um sie zur 
freien Raumkunst zu erheben. Wir haben festgestellt, dass auch bei 
den Werken der Architektur lediglich die Erscheinung ästhetisch ins 
Gewicht fällt; dieser Grundsatz ist verkannt, wenn man der römischen 
Baukunst den Mangel organischer Notwendigkeit vorwirft. Dass ein- 
zelne NVerke diesen Tadel verdienen mögen, ändert im Ganzen nichts. 
Das architektonische Scheingerüst bedarf keiner weiteren Wahrheit, als
        

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