Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377154
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
einzige geniale Schöpfung schreitet darüber hinaus in das Gebiet der 
malerischen Schönheit: das Erechtheion auf der Burg zu Athen, wel- 
ches der Zeit nach Perikles angehört. Die Wirkung durch den Raum, 
diese andere eigentümliche Kraft der Architektur, zur Entfaltung zu 
bringen, blieb ihnen jedoch versagt. Die bescheidenen Verhältnisse 
ihres Kultur- und Staatslebens forderten die Lösung dieser Aufgabe 
nicht, und die Elastizität, mit welcher sie sich einst über die historische 
Individualität der vorausgegangenen Baustile hinweggesetzt, mit wel- 
cher sie den idealen Stil geschaffen hatten, war in der alternden 
Nation erloschen. Es bedurfte frischer, jugendlicher Kräfte, um die 
gefundenen Formen mit der genialen Rücksichtslosigkeit zu handhaben, 
welche die neue Aufgabe forderte. 
Rom 
Rezzazlvsalzce. 
Nachdem von gewisser Seite die griechische Antike 
unübertrefflicher Kanon bezeichnet worden ist, fällt es 
als durchhin 
schwer, der 
Wasserablauf von oben nach unten iiberdeckten, ist wahrscheinlich. In Stein über- 
tragen hat die Form für die unmittelbare Anschauung einen völlig entgegengesetzten 
Sinn. Die Erzählung Vitruvs über die Erfindung der jonischen Säule (Buch IV, 
Kap. I, 7) dürfte doch wohl beweisen, dass er ein fabulierender Schriftsteller war. 
Und doch hat die griechische Architektur eine reine Nachahmung als Struktur- 
glied verwendet: die menschliche Gestalt an Stelle der Säule, Karyatiden und At- 
lanten. Man wird sie darum nicht tadeln dürfen, wie es schon geschehen ist; denn 
so unpassend es ist, Balken, welche in jedem Falle schwere Lasten bleiben, durch 
Bluxnenkelche und -Stengel tragen zu lassen, so wenig leidet die Idee darunter, dass 
hinreichend kräftige Menschenkörper diese Funktion übernehmen. Das sichtbare 
Material garantiert die technische Leistung, wozu es eben nur eines vertikalen Stein- 
körpers bedarf, und infolgedessen wirkt das Bild wie eine Kunstform, sowohl in 
ganzen Gestalten, als an Hennen: das Nachahmende ist der Funktion untergeordnet, 
nicht umgekehrt, und so dürfen Nachahmungen in der Architektur stets angewendet 
werden. Jedoch bewegt man sich hier, zu Gunsten der Phantasie, immerhin an der 
Grenze des Zulässigen, indem nämlich die Idee absolute Stabilität fordert, welche 
bei freistehenden Karyatiden leicht als gefährdet erscheint. Man wird daher das 
Motiv nur bei weniger ernsten Gebilden anwenden und jedenfalls eine ruhige Haltung 
de!" bewegterßn, Wie Sie in der späten Renaissance bisweilen beliebt wurde, vor- 
ziehen. Dass die Thätigkeit des Tragens kräftiger zum Ausdruck gebracht wird, als 
es bei den Karyatiden des Erechtheions geschehen ist, verdient keineswegs Tadel, 
solange es sich nur um Tragen undunicht um Gedriicktwerden handelt. Jeder Ge- 
danke an Beweglichkeit muss bei diesen struktiv verwendeten Nachahmungen ver- 
pönt sein; daher müssen wir hier die natnralistische Bemalung verwerfen, obgleich 
dieselbe bei den griechischen Karyatiden Anwendung gefunden haben dürfte. In- 
dessen war der Grieche an nichts anderes gewöhnt, und das Erechtheion war ein 
ausnahmsweise leicht komponiertes Gebilde.
        

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