Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374974
DIE NACHAHMUNG. 
Dichter War, leicht erklärlich und entschuldbar ist, weil diese Kunst, 
wenigstens die reine Dichtkunst (Lyrik und Epos), bei allen zu 
erzeugenden Vorstellungen objektiver Erseheinungen auf die Mit- 
Wirkung der Phantasie des Lesers oder Hörers schlechterdings ange- 
wiesen ist. Diese Meinung wird aber dadurch ad absurdum geführt, 
die entsprechenden ästhetischen Forderungen einen baaren Widerspruch in sich selbst 
darstellen. Man könnte allerdings sagen: Prägnant ist derjenige Moment einer Hand- 
lung, aus welchem ich das meiste von ihrem Verlauf erkenne; fruchtbar ein solcher, 
welcher „der Einbildungskraft freies Spiel lässt", wie Lessing esiausdrückt. Dann 
aber bezweckt man dort, dass der Verlauf einer Handlung objektiv möglichst fest- 
gestellt werde; hier gerade im Gegenteil, dass man diesen Verlauf von sich aus 
errate. Ich bestreite auch, dass mit dieser spitzlindigen Unterscheidung etwas ge- 
wonnen ist. Denn sowohl die eine wie die andere Forderung ist eine 
poetische, keine bildnerische: beide ruhen auf der Voraussetzung, dass wir 
dem Gemälde gegenüber doch etwas vom Verlauf der Handlung, und zwar möglichst 
viel von derselben, erkennen sollen. Und dies eben ist das Unbildnerische: für die 
bildende Kunst ist der Verlauf einer Handlung überhaupt nicht vorhanden; sie kann 
ihn nicht zeigen und braucht ihn nicht zu zeigen. Sie hat ihre Gegenstände viel- 
mehr mit Rücksicht auf die malerisch oder bildnerisch günstigen Bedingungen für 
deren Erscheinung auszuwählen, seien dieselben der Entwickelung einer Handlung 
entnommen oder nicht. Fischer führt nun (S. 146) in die Lessingkche Deduktion 
folgenden Satz ein: „„insofern Kunstwerke bestimmt sind, nicht durch die Dar- 
stellung körperlicher Schönheit, sondern durch die Handlung, also "poetisch", zu 
wirken, muss ein möglichst fruchtbarer Augenblick gewählt werden" etc. Man sieht 
sofort, dass der Geltungsbereich der Lessing'schen Lehre dadurch erheblich eingeengt 
wird, weil hier die Absicht auf die beregte Wirkung durch bildende Kunst ins Er- 
messen des Künstlers gestellt ist und dieselbe nun doch nicht regelmässig, sondern 
nur in einzelnen Fällen vorliegen wird. Allein jenes "insofern" steht gar nicht bei 
Lessing; er wollte vielmehr der bildenden Kunst ganz allgemein ihre Stoffe an- 
weisen; wie Graf Caylus ihr die falschen anwies, so er die richtigen. Das geht 
hervor schon aus dem starken Umfange, welchen die fragliche Erörterung im Lao- 
koon einnimmt, es liegt aber auch in den Worten des Kap. III: "Kann der Künstler 
nie mehr als einen einzigen Augenblick"  "brauchen; sind aber ihre (der bildenden 
Künstler) NVerke gemacht, lange und wiederholtermassen betrachtet zu werden"  
und das heisst doch: „ihre Werke insgemein oder durchweg  „so kann jener 
einzige Augenblick nicht fruchtbar genug gewählt werden". Eine solche Bedeutung, 
wie sie hiernach Lessing annahm, und welche Fischer übrigens durchaus aufrecht zu 
halten bemüht ist, hat sowohl der "fruchtbare", wie der "prägnante" Moment für die 
bildende Kunst einfach nicht. Damit ist garnicht geleugnet, dass die Prägnanz des 
dargestellten Augenblickes einer Handlung dem Bilde ein dramatisches Schönheits- 
moment hinzufügen kann, welches z. B. in Hennebergs "Jagd nach dem Glück", 
Makarts "Jagd der Diana" zu überaus glücklicher Wirkung kommt. Die Wirkung 
eines Bildes kann ferner immerhin durch das Hinzutreten einer über die vorliegende 
Erscheinung hinausgehenden poetischen Anregung bereichert werden. Allein regel- 
mässig werden die Bilder doch nicht geschaiTen in der Absicht auf Fruchtbarkeit für 
unsere Phantasie, sondern dafür, dass wir sie selbst betrachten.
        

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