Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377090
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
"der Darstellung zog, welche deren eigentlichem Gegenstand gar nicht 
angehörten. Die Wand war mit figürlichen Darstellungen bedeckt, 
wie dies bei vertikal hängenden Teppichen gleichfalls wohl angebracht 
ist; auf den Inhalt derselben kommt weiter nichts an. Wenn die ge- 
gebene Erklärung feststeht, so kann man die das Ganze krönende 
Hohlkehle nicht wohl als eine den Estrich umgebende und von dessen 
Last niedergebeugte Rohrstengelreihe ansehen, noch weniger, was 
schon an und für sich unverständlich ist, als Brustwehr der Dach- 
terrasse eines Holzhauses. Wenn man nicht annehmen will, dass hier 
ein federbuschähnlicher Schmuck der vier oberen Ecken des früheren 
Zeltes in ein Profil des ganzen Raumkörpers monumental umgesetzt 
wurde, so wird man die Hohlkehle als rein formale Krönung be- 
trachten müssen. Auf die Hohlkehle und das Zeltgerüst verzichteten 
die Ägypter selbst bei Holzbauten nicht, wie an dem Sarg des Menkare 
ersichtlich ist. Gleich nachahmend wie die künstlerische Gestaltung 
der Wand war auch diejenige der Säule. Es ist ziemlich gleichgültig, 
ob man die ägyptische Säule selbst als monumentale Blume bezw. 
Knospe nebst Stengel, oder ob man sie bloss als mit monumental 
gewordenem Blumenschmuck bekleidet ansieht. Denn die Gestalt der 
Säule war in keinem Fall eine funktionelle, vielmehr blosse Umhüllung. 
Beide Auffassungen mögen in verschiedenen Fällen berechtigt sein, 
häufiger jedoch die erstere, wenngleich sie unserm Gefühl durchaus 
widerstrebt. Wir erhalten das Bild eines mit vollster Konsequenz 
durchgeführten Prinzips des äusserlichen Anfügens von Nachahmungen 
an das konstruktive Gebäude, wenn wir uns noch an die ausgiebige 
Verwendung von freien Statuen als Pfeilerschmuck und an das Hathor- 
rnaskenkapitell erinnern. 
Die ägyptische Baukunst hat demnach eine wahrhaft organische 
Gestaltung ihrer NVerke weder erreicht noch angestrebt, indem sie sich 
vielmehr mit einer nachahmenden Bekleidung ihrer Werke begnügte, 
welche thatsächlich keine Kunstform, sondern ein über die Werkform 
gehängter blosser Schein war. Man wird es deshalb vielleicht auf den 
ersten Blick räthselhaft finden, wenn wir gelegentlich diesen Stil mit 
einem so absolut organischen, wie dem dorischen Baustil, in Verbin- 
dung bringen. Indessen ist eine Verwandtschaft beider Stile doch 
ermöglicht durch {zwei Umstände. Erstens hatten die Ägypter die 
Werkform des Steinbalkenbaues und des Quadergemäuers ausgebildet, 
welche die Griechen aufnahmen, und in Verbindung damit wenigstens 
die Gliederung in Last und Stütze vorgenommen; ferner hatten sie die 
peripterische Anlage durch ihre Hofarkaden wenigstens vorbereitet. 
Von einzelnen peripterischen Schöpfungen der Ägypter, wie dem
        

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