Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377083
VERHÄLTNIS 
DER 
GESCHICHTLICHEN 
BA USTILE 
ZUR 
IDEE. 
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wohl deshalb, weil dieselben das technische Gebäude und seine räum- 
liche Wirkung nicht mit hinreichender Schärfe von der Kunstform 
trennten, zum Teil auch wohl deshalb, weil ihnen das allgemeine 
Walten des Volksgeistes wichtiger war, als dessen konkrete künstle- 
rische Absicht. Schnaase  v. Lützow sagt in der Beziehung: „die 
einfachen Linien und die grandiose Festigkeit der gleichsam in den 
Boden sich eingrabenden schrägen Mauern geben dieser Architektur 
ein ernstes, grossartiges, imponierendes Ansehen. Es steht dies in 
Verbindung mit der Einförmigkeit der ägyptischen Natur, die immer 
wieder die breiten Bergzüge mit gerader Krönung, die Ebene des 
Thals und den stets gleichbleibenden Palmbaum zeigt etc." Dem 
werden wir im Ganzen gewiss zustimmen. Indessen fragt es sich doch 
sehr, ob unsere Empfindung nicht erheblich modifiziert wird, wenn 
diese Mauern infolge ihrer dekorativen Ausstattung eben nicht mehr 
als "sich eingrabende" Mauern, sondern als luftige, an einem Zelt- 
gerüst aufgehängte Teppiche erscheinen. Letzteres ist zweifellos der 
Fall. Die einwärts geneigte Mauerfläche umrahmt ein Rundstab von 
angemessener Dicke, an welchem man die Bänder darzustellen nicht 
vergass, mit welchen die die NVand bildenden Teppiche an die Gerüst- 
stangen festgeschnürt waren. Aus der Zeltform ist die Schrägstellung 
der Mauerflächen zu erklären, nicht aus der Absicht, „die feste Ab- 
geschlossenheit des Tempels auszusprechen" (Schnaase), noch als 
Strebepfeiler für horizontale Deckenbalken (Lübke), wenngleich dabei 
eine technische Annehmlichkeit gegeben war. Von der Anbringung 
eines Sockels sah man ganz ab; statt dessen wurde am unteren Saum 
der Mauer in stilisierter Form der beblümte Wiesenboden abgebildet, 
auf welchem das monumental gewordene Zelt stand. I) Also verhielt 
man sich so sehr nachahmend, dass man sogar Dinge in den Bereich 
Bedeutung. Ebensowenig Perrot. Bereits Semper hat (a. a. O. l, S. 215) jedoch 
den ägyptischen Tempel aus dem Motiv des improvisierten Wallfahrtsmarktes erklärt, 
"der gewiss Sehr häufig noch in Später Zeit in ganz ähnlicher Weise aus Pfählen und 
Zeltdecken zusammengeschlagen wurde, wo irgend ein Lokalgott, dem noch kein 
fester Tempel erbaut war, in den Geruch besonderer Wunderthätigkeit kam und die 
wallfahrenden Fellahs zu seinem Feste herbeilockte." Ob nun gerade der Festappa- 
ratus, das improviSißrte Gerüst, daS Motiv des bleibenden Denkmals war, ist neben- 
sächlich; wenn nur eben ein Zelt nachgeahmt wurde. Ad. Göller vertritt („Stil- 
formen" S. 41 ff.) dieselbe Ansicht. 
I) Nach den Abbildungen bei Prisse d'Avennes u. A. muss dies angenommen 
werden, wenngleich es plausibler erscheinen möchte, die senkrechten, sich oben 
durchkreuzenden Linien der Savmverzierung als die Fransen des geknüpften Teppichs 
aufzufassen.
        

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