Der
Siil.
Unter „Stil" versteht man, wie wir bei Besprechung der nach-
ahmenden Künste ausführlich dargelegt haben, ein das Kunstwerk be-
herrschendes einheitliches Formprinzip, Welches entweder subjektiven
Ursprunges sein kann, indem es aus der Eigenart des Künstlers her-
stammt, oder objektiven, indem es durch die Eigenschaften des Mate-
riales bedingt ist, in welchem derselbe gestaltend thätig war. Der
subjektive Stil, welcher, in einem relativen Sinn genommen, die ge-
samte F ormgebung einer künstlerischen Individualität, insbesondere
sowohl ihre Behandlungsweise des Materiales als ihre Auffassungsweise,
in sich schliesst, kann je nach seinem Verhältnis zu zwingenden Ge-
setzen der Darstellung ein guter oder ein schlechter sein, während
man von Stil in einem absoluten Sinn sprechen kann, wenn diese Ge-
setze tadellos gehandhabt sind.
Diese Begriffe finden gleichermassen auf die nicht nachahmenden
Kunstwerke Anwendung; nur handelt es sich hier in der Hauptsache
naturgemäss nicht um die eigentümliche Veränderung eines Bildes im
Verhältnis zu nachgeahmten Naturerscheinungen, sondern um Ver-
schiedenheiten der gesamten F ormgebung im Verhältnis zu den rein
ideellen architektonischen Aufgaben. Diese F ormgebung umfasst aber
auch die Verzierung, zu welcher, wie wir gesehen haben, in umfang-
reichem Masse Nachahmungen der Natur herangezogen werden. Daher
wird hier dennoch auch jene Veränderung von Naturerscheinungen,
die Stilisierung, eine grosse Rolle spielen. Allein sie ist hier im Prinzipe
gerade umgekehrt zu beurteilen wie bei den nachahmenden Kunst-
werken: Dort tritt sie ein gegen die künstlerische Absicht; hier liegt
sie von vornherein in ihr, weil dieselbe nicht auf Nachahmung, son-
dern zuerst auf Verzierung gerichtet ist. Hier wird die Stilisierung
geradezu erfordert, weil das Artefakt wie ein in allen seinen Bestand-
teilen nach eigenem Gesetz gewordenes neues Erzeugnis der wirklichen
Welt vor uns stehen soll. Der Stil und insbesondere der Stil
der Ornamente ist infolgedessen ein weiteres Ausdrucks-
mittel der Einheit der Artefakte.
Die Stilisierung durch das Material und die Prozedur war jeden-
falls die ursprünglichste. Der Stoff pflegt bei den primitiveren Arte-
fakten über den ganzen Gegenstand hin der gleiche zu sein und war
es namentlich stets in_ den ersten Zeiten der Kunstentwickelung wegen
der Beschränktheit der Zahl von zu Gebote stehenden Materialien.
Falls nun das Artefakt verziert wurde, sei es mit bloss geometrischen