Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377056
Der 
Siil. 
Unter „Stil" versteht man, wie wir bei Besprechung der nach- 
ahmenden Künste ausführlich dargelegt haben, ein das Kunstwerk be- 
herrschendes einheitliches Formprinzip, Welches entweder subjektiven 
Ursprunges sein kann, indem es aus der Eigenart des Künstlers her- 
stammt, oder objektiven, indem es durch die Eigenschaften des Mate- 
riales bedingt ist, in welchem derselbe gestaltend thätig war. Der 
subjektive Stil, welcher, in einem relativen Sinn genommen, die ge- 
samte F ormgebung einer künstlerischen Individualität, insbesondere 
sowohl ihre Behandlungsweise des Materiales als ihre Auffassungsweise, 
in sich schliesst, kann je nach seinem Verhältnis zu zwingenden Ge- 
setzen der Darstellung ein guter oder ein schlechter sein, während 
man von Stil in einem absoluten Sinn sprechen kann, wenn diese Ge- 
setze tadellos gehandhabt sind. 
Diese Begriffe finden gleichermassen auf die nicht nachahmenden 
Kunstwerke Anwendung; nur handelt es sich hier in der Hauptsache 
naturgemäss nicht um die eigentümliche Veränderung eines Bildes im 
Verhältnis zu nachgeahmten Naturerscheinungen, sondern um Ver- 
schiedenheiten der gesamten F ormgebung im Verhältnis zu den rein 
ideellen architektonischen Aufgaben. Diese F ormgebung umfasst aber 
auch die Verzierung, zu welcher, wie wir gesehen haben, in umfang- 
reichem Masse Nachahmungen der Natur herangezogen werden. Daher 
wird hier dennoch auch jene Veränderung von Naturerscheinungen, 
die Stilisierung, eine grosse Rolle spielen. Allein sie ist hier im Prinzipe 
gerade umgekehrt zu beurteilen wie bei den nachahmenden Kunst- 
werken: Dort tritt sie ein gegen die künstlerische Absicht; hier liegt 
sie von vornherein in ihr, weil dieselbe nicht auf Nachahmung, son- 
dern zuerst auf Verzierung gerichtet ist. Hier wird die Stilisierung 
geradezu erfordert, weil das Artefakt wie ein in allen seinen Bestand- 
teilen nach eigenem Gesetz gewordenes neues Erzeugnis der wirklichen 
Welt vor uns stehen soll. Der Stil und insbesondere der Stil 
der Ornamente ist infolgedessen ein weiteres Ausdrucks- 
mittel der Einheit der Artefakte. 
Die Stilisierung durch das Material und die Prozedur war jeden- 
falls die ursprünglichste. Der Stoff pflegt bei den primitiveren Arte- 
fakten über den ganzen Gegenstand hin der gleiche zu sein und war 
es namentlich stets in_ den ersten Zeiten der Kunstentwickelung wegen 
der Beschränktheit der Zahl von zu Gebote stehenden Materialien. 
Falls nun das Artefakt verziert wurde, sei es mit bloss geometrischen
        

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