Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1377047
DIE 
EINHEIT 
DER 
ARCHITEKTUR WERKE  
2I9 
'Wechselbeziehung der beiden Hälften sich abspielt, liegt stets in der 
Mitte. Würde man also den beiden Hälften eine derartige Gestalt 
geben, dass ihr Schwerpunkt nach aussen läge, nicht gegen die Mitte, 
oder gar, dass die Massen sich nach der Peripherie zu ansteigend ent- 
wickelten, so würde dies zwar ebenfalls symmetrisch sein, jedoch einen 
Widerspruch mit der Einheitstendenz der Symmetrie enthalten. Dieser 
WiderspruCh Wäre hervorgerufen durch eine entstandene Richtung der 
Hälften von innen nach aussen. Bei solcher Divergenz würde also 
stets auch eine formelle Zweiheit, mithin die durch Symmetrie erbrachte 
Einheit Wenigstens nicht rein vorliegen. Dies ist, wenngleich nicht 
stark ausgeprägt, bei den Türmen des gotischen Domes der Fall, 
wo der zwischen beiden erscheinende Giebel des Hauptgebäudes ganz 
zurücktritt. Bei komplizierteren Gebilden wird es indessen stets 
wünschenswert, die Abgeschlossenheit nach aussen durch eine Betonung 
der Grenzen hervorzuheben, wozu Seitenrisalite und turmartige Anlagen 
dienlich sind. 
Die zweite Art, auf welche die Einheit formell ausgedrückt werden 
kann, ist die Massensubordination. Sie ist ein allgemeinerer, 
höherer aber auch undeutlicherer und desshalb weniger monumentaler 
Ausdruck der Einheit, als die Symmetrie. Bei Gelegenheit der Be- 
sprechung der formellen Schönheit wurde das Prinzip dieser Erschei- 
nung und ihre Bedeutung für die sogenannte malerische Behandlungs- 
weise der Architektur bereits dargelegt?) 
Von Einheit kann natürlich keine Rede mehr sein, wenn der 
Beschauer nicht im Stande ist, das Kunstwerk als Ganzes zusammen- 
zufassen, es zu überschauen. Dieses Gesetz aller Kunst, die Forderung 
eines bestimmten Masses der Ausdehnung, hat Aristoteles bezüglich 
des Drama's ausgesprochen?) Dasselbe ist in der Architektur von 
besonders hoher Bedeutung. Hier kann eine Überschreitung sehr leicht 
vorkommen; es entscheidet darüber ein optisches Verhältnis: der Um- 
fang des Sehwinkels mit Berücksichtigung des Standortes, Die Ent- 
fernung des letzteren ist absolut begrenzt durch das Verhältnis der 
organischen Glieder zum Ganzen. Wenn beispielsweise das Schloss 
Herrenchiemsee in beliebiger Entfernung betrachtet werden kann, so 
liesse es sich bei einer beabsichtigten Breitenausdehnung von ca. 400 
Meter doch niemals so betrachten, wie zur deutlichen Erfassung seines 
organischen Zusammenhanges notwendig wäre. 
I) Vergl. 
2) Vergl. 
oben S. 48 H". 
Poetik VII, 4.
        

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