Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374966
B. DIE AUS DER THATSACHE DER NACHAHMUNG FOLGENDEN KUNSTPRINZIPIEN. 
also notwendig eine Missbefriedigung, also eine Störung auch des 
ästhetischen Genusses herbeiführen, und von der anderen Seite erweckt 
die möglichst deutliche Erscheinung der beabsichtigten Vorstellung im 
Bilde erst das Gefühl der vollen Befriedigung in dieser Hinsicht. 
Damit haben wir das Prinzip des Realismus als ein Gesetz der 
nachahmenden Kunst anerkannt. 
Bezüglich der gewollten Vorstellung, des eigentlichen Gegen- 
standes des Kunstwerkes, ist die Behauptung, dass letzteres der 
Phantasie einen Spielraum lassen müsse, eine irrige. Sie stammt von 
Lessing, 1) bei welchem sie aus dem psychologischen Grunde, dass er 
weil sie an sich unberechtigt wäre, aber deshalb, weil sie von der richtigen Kunst- 
betrachtung ablenkt und die wahre Kunstempfmdung, welche in ihren Bestandteilen 
einfach und uns allen angeboren ist, in dem angeblichen Tiefsinn ihrer Betrachtungen 
erstickt. Bei Lichte besehen besteht dieser letztere häufig genug in der Unklarheit 
des Begriffes der Idee, welcher zu Verschiebungen desselben und Trugschlüssen 
führt. Deshalb erblickte Carl Friedrich v. Rumohr, ein Mann, der nach dem 
Urteil Sempers "gleich Lessing wirklich selbst etwas von der Kunst und ihrer Praxis 
verstand", die Wurzel alles Übels im Begriff der Idee, und Hegel scheint mir, prak- 
tisch genommen, nicht sehr glücklich damit gewesen zu sein, wenn er (Ästh. I S. 138) 
behauptete, der von Rurnohr bekämpfte Begriff sei nicht derjenige der neueren Philo- 
sophie. Wenn es so ist, so steht dieser Begriff doch ausserhalb des ästhetischen 
Bedürfnisses. Rumohr sagt aber („Ital. Forschungen", Berlin 1827, I S. 13): „Man 
liebt in den Kunstlehren einige Andeutungen einer höheren Weisheit fallen zu lassen, 
und verhüllt sich mindestens in die Allgemeinheit des Wörtchens Idee, dessen 
schwankender, sinnlich geistiger Sinn allerdings jeder wilden Behauptung eine Aus- 
flucht offen lässt, mithin aller Unentschiedenheit und Undeutlichkeit willkommen ist". 
Er hielt es denn auch für notwendig, gleich uns zu allererst den Begriff der Idee 
Zu entwirren und die verschiedenen Bedeutungen klarzustellen, welche dem Worte 
"ideal" beigelegt werden (a. a. O. S. 45 B1). Indessen hatte er entschieden Unrecht, 
wenn er die Möglichkeit der Idealbildung überhaupt leugnete und die bildende Kunst 
auf die blosse Nachahmung stellte. Die positiven Errungenschaften seines YVerkes 
werden dadurch nicht in Frage gestellt; aber es ist in Anbetracht dieses Umstandes 
nicht zu verwundern, dass dasselbe in einer Zeit der völligen Herrschaft einer 
Spekulierenden Kunstbetrachtung die gebührende Würdigung nicht gefunden hat. 
Die Überzeugung, dass dagegen jene zum Verständnis der Kunstwerke nichts bei- 
trägt, macht sich neuerdings auch in der Litteraturästhetik geltend: Dr. Hermann 
Baumgart (Handbuch der Poetik, Stuttgart 1887 S. 3ff.) bezeichnet als "die einzige 
Art der Kunstbetrachtung, welche zu positiven Resultaten führt, die Aristotelisch- 
Lessingsche". 
I) Aus dessen Lehre vom "fruchtbaren Moment", Kap. III des Laokoon. 
Heinrich Fischer (Lessings Laokoon und die Gesetze der bildenden Kunst, Berlin 
1887) unterscheidet (S. 150 a. a. O.) davon die Lehre Lessings vom "prägnantesten 
Augenblick" Kap, XVI eod. Ich bezweifle, dass Fischer damit gegen die Auf- 
fassung Blümners und Fr. Vischers im Rechte ist, dass Lessing diesen Unterschied 
statuieren wollte; die Beispiele im Kap. III sprechen dagegen, und ausserdem würden
        

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