Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376991
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
Das Wesen des Organisch-Schönen in seiner Verschiedenheit von 
der Verzierung ist hinlänglich entwickelt worden. Die organischen 
Formen schaffen an dem stereometrischen Ganzen eine Mehrzahl von 
Flächen; diese Flächen sind die eigentlichen Träger der Verzierung. 
Die Verzierung kann ihrerseits eine malerische oder plastische sein. 
Durch die Abgeschlossenheit der organischen Teile erhalten die 
Aussenflächen einen bestimmten Umriss, welcher der Verzierung eine 
räumliche Beschränkung auferlegt. Soll dieselbe nicht störend in das 
organische Gebiet eingreifen, so muss sie sich an die Grenzen der ge- 
gebenen Räume halten. Umgekehrt wird eine homogene Erfüllung 
der gegebenen Flächen erfordert sein, wennanders nicht neue und un- 
motivierte Räume auf ihnen entstehen sollen. Daher ist die ange- 
messene Komposition in den Raum das oberste Gesetz des 
Verzierend-Schönen. Der Raum selber hat eine bestimmte Rich- 
tung, welche sich aus dem Wesen des Gliedes (als tragend oder ge- 
tragen) ergiebt, Welchem er angehört, oder er ist in Bezug auf Rich- 
tung indifferent, reine Fläche. Im ersteren Fall muss die Verzierung 
derjenigen Richtung folgen, welche sich aus dem Zweck und Begriff 
des verzierten Gliedes ergiebt, im letzteren muss sie den Raum völlig 
indifferent ausfüllen. Der Raum selbst kann, mit Rücksicht auf diese 
Gesichtspunkte, vom Künstler nach seiner Wahl eingeteilt werden und 
bietet somit der künstlerischen Thätigkeit freiesten Spielraum zur Ver- 
folgung eines selbstgesteckten Zieles. 
Die Verzierung kann eine bloss formale, geometrische sein, oder 
sie kann sich der Nachahmung von Naturgegenständen bedienen. Aber 
auch im letzteren Fall ist der Zweck der Verzierung der 
Existenzgrund des.Gebildes und nicht die nachahmende 
Darstellung. Dieser Umstand hat zwei wichtige Folgen. Erstlich 
dürfen Nachahmungen und Stücke von solchen in einem völlig unge- 
bundenen Spiel der Phantasie kombiniert werden. Dieses Ornament 
erreichte in der Renaissanceperiode seine höchste Blütheß) Sodann 
dürfen die verwendeten Nachahmungen beliebigen Formveränderungen 
unterworfen werden. Dies ist dafür von Wert, dass man in den ver- 
schiedensten der Natur entnommenen Gestalten ein einheitliches F orm- 
I) Vergl. z. B. die Abbildung bei Lübke, „Gesch. der Architektur", Fig. 668, 
Ornament aus dem Palazzo Giustiniani zu Padua.  Semper erblickte in den an- 
tiken Hippokampen, Echidnen, Sphinxen und Greifen die Nachkommen babylonischer 
Teppichornamente. Indessen kann die Phantasie dergleichen auch ohne Ornament- 
zweck erschaHen, und für den Bukentauren von Chorsabad War wohl nicht dieser 
der Entstehungsgrund, sondern die kultische Vorstellungskombination wurde erst 
nachträglich als Ornament verwendet.
        

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