Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376976
212 
DIE 
ARCHITEKTUR. 
hören scheinen; es gebe kirchliche und weltliche Baustile." Dass 
solche Associationen wirksam werden, ist keine Frage; aber es kommt 
doch mehr darauf an, wie man einen Baustil im einzelnen Falle hand- 
habt. Man kann einerseits gotische Kirchen und gotische Markthallen 
bauen, andererseits haben sämtliche Stile der Gottesverehrung gedient. 
jedoch werden wir nicht sehr geneigt sein, den Rococostil zum letz- 
teren Zweck zu verwenden, weil der Charakter der Leichtfertigkeit 
und Sinnenlustigkeit ihm nicht bloss durch historische Association, 
sondern vielmehr durch die F ormbehandlung selbst eigentümlich ist. 
Bei den niederen Artefakten muss ein verständlicher konkreter 
Zweck mit Klarheit ausgesprochen sein. Die ästhetische Wahrheit 
ihrer Formen besteht in der vollständigen Übereinstimmung aller Teile 
mit dem vorausgesetzten Zweck des Ganzen. Das Artefakt muss als 
zu einem bestimmten Zweck brauchbar erscheinen und kein Teil darf 
demselben widersprechen oder die Brauchbarkeit aufheben. Das 
Luxusgerät, welches thatsächlich nicht zum Gebrauche bestimmt ist, 
steht keineswegs ausserhalb dieses Gesetzes; nur gestatten wir der 
höheren künstlerischen Leistung auf dem Gebiet der Verzierung mit 
freien Kunstwerken allenfalls eine Ausschreitung. Falke führt als Bei- 
spiele hierfür den Tafelaufsatz des Wenzeljamnitzer in der Sammlung 
des 1- Freiherrn M. K. v. Rothschild und die Silberschale des Christoph 
jamnitzer mit dem Triumph Amor's in der Wiener Schatzkammer auf I), 
jedoch, mindestens bezüglich des ersteren Werkes, nicht mit völliger 
Berechtigung; man könnte beide Stücke immerhin zu ihrem Zwecke 
benützen. In den kunsthandwerklichen Entwürfen Hans Holbeins, des 
grössten Künstlers aller Zeiten auf diesem Gebiete, ist bei phantasie- 
reichster Ausstattung die Brauchbarkeit niemals fraglich?) 
Wir haben nunmehr gesehen, wie bei den Artefakten doch eine 
Forderung der Wahrheit besteht und also ein Prinzip des Realismus 
in Frage kommt. Allein dasselbe hat einen anderen Inhalt als bei 
den nachahmenden Kunstwerken. Dort handelt es sich um die Wahr- 
heit einer Idee, welche die Nachahmung von Erscheinungen der Natur 
in sich schliesst; hier um die Wahrheit der Erscheinung eines Gegen- 
standes im Verhältnis zu seinem rein begrifflich gegebenen Wesen. 
Darauf beruht eine Verschiedenheit der Naturnachahmungen und Arte- 
fakte im Verhältnis der konkreten Ideen zur platonischen. Im Bereich 
der nachahmenden Kunst werden die konkreten Ideen in ihrer Be- 
I) Vergl. 
zahlreichen Nachbildungen 
München seit 1879. 
2) Siehe die 
Renaissance" etc. 
in 
Hirths 
"Formenschatz 
der
        

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