Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376960
DIE 
WAHRHEIT 
DER 
ARCHITEKTUR. 
2II 
Man verlangt bisweilen mit Rücksicht auf die Wahrheit des 
äusseren Zweckes vollkommene Übereinstimmung der äusseren räum- 
lichen Gestalt mit der Bestimmung der inneren Räume. Indessen ist 
der Zweck eben eine blosse Vorstellung. Wenn daher beispielsweise 
ein Parlamentsgebäude künstlerisch gestaltet werden soll, so verlangt 
die Anschauung zwar vielleicht die äussere Erscheinung eines Ver- 
sammlungsraumes als Hauptbestandteil desselben, aber es ist keinesfalls 
notwendig, dass sich die Parlamentsmitglieder gerade dort versammeln. 
Indessen überwiegt hier durchaus der Gesichtspunkt der formellen 
Schönheit!) 
Der äussere Zweck entscheidet ferner über die Art der künstleri- 
schen Formensprache in der Hinsicht, ob sie eine mehr oder weniger 
monumentale, ernste, oder leichte und spielende sein soll. Backstein- 
und Fachwerkbau eignen sich nicht für Gebäude, deren Zweckbegriff 
das Attribut der Würde oder Vornehmheit zukommt. An einem fürst- 
lichen Residenzschloss ist eine Dekoration von profilierten Sparren- 
köpfen und ausgesägten Bretfriesen ebenso unpassend, wie an einem 
justizpalast. Der Wert des Materiales und seine Dauerhaftigkeit 
kommen dabei in Betracht. Der konkreten Idee des bürgerlichen 
Wohnhauses entspricht Backsteinbau mit Steingliederung weit besser, 
als ein durchweg monumentales Material; höchst materielle und ideale 
Erwägungen stehen dabei in merkwürdigem Einklang, und das Stadt- 
bild zieht den Vorteil malerischer Abwechselung. Ein Lagerhaus soll 
überhaupt nicht zum Gegenstand reicher künstlerischer Ausstattung 
gemacht werden, denn es ist kein Festraum, sondern eine Stätte der 
Arbeit; und wenn gleichwohl als Laderaum eine Säulenhalle verlangt 
wird, so darf sie nicht die prächtigen Formen haben, welche für einen 
Tempel der Musen geeignet sind, wie z. B. diejenigen eines monu- 
mentalen dorischen Portikus, sondern weniger anspruchsvolle und räum- 
lich genügsamere. Göller findet (a. a. O. S. 94), dass „die vorwiegende 
Verwendung bestimmter historischer Baustile an bestimmten Gattungen 
von Bauwerken es erreicht habe, dass uns diese Hülfsmittel der Er- 
scheinung notwendig zu den betreffenden Gebaudegattungen zu ge- 
treffende Gebäude sich jedoch mehr für diesen oder mehr für jenen Platz eigne, das 
ist eine Frage, welche nur nach den Umständen des einzelnen Falles beantwortet 
werden kann. 
I) Vergl. Göller a. a. O. S. 96 ff. Unstichhaltig ist seine Behauptung, dass der 
Sitzungssaal des Bundesrats am Reichstagsgebäude ästhetische Bedeutung habe; hier 
handelt es sich um den letzteren Begriff und nicht darum, dass es praktisch wün- 
sehenswert ist, dem Bundesrat dort ebenfalls Räume zu gewähren. 
 14,
        

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