Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376948
DIE 
WVAHRHEIT IN 
DER 
ARCHITEKTUR. 
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scheidet, und daher ist völlige Freiheit in der Wahl der Mittel, 
des Materiales und des Raumes, selbstverständliche Voraus- 
setzung der künstlerischen Architektur?) Die Logik des 
ästhetischen Zweckes duldet keinerlei Einmischung von Gesichtspunkten 
der praktischen Zweckmässigkeit. Hier wird sehr häufig gefehlt, auch 
in der Möbelschreinerei, z. B. wenn der Künstler die Friesbreite nach 
dem praktischen Bedürfnis einer Schublade, statt rein aus der orga- 
nischen Proportion bemessen und dadurch die letztere zerstört hat. 
Bezüglich der eigentlichen Kunstformen heisst Wahrheit das un- 
bedingte Festhalten an ihrem ursprünglichen Sinn, also insbesondere 
die Anwendung des richtigen zwecklichen Ausdrucks an einer be- 
stimmten Stelle. Dabei wäre es gleichgültig, ob die Formensprache 
eine konventionelle, oder eine unmittelbar symbolische ist. Wo ein 
als steigend dienendes Glied vorliegt, darf kein Symbol des F allens 
angewendet werden u. s. w. Vollendetes Gefühl der F ormensymbolik 
auf Seite des Künstlers ist die Voraussetzung ihrer richtigen Hand- 
habung; aber sie kann zweifellos durch Lehre ersetzt werden und wird 
durch dieselbe unterstützt und entwickelt. Kamen überhaupt keine 
symbolischen, sondern bloss konstruktiv begründete Formen in Frage, 
so wäre das Auftreten einer Unwahrheit von vornherein ausgeschlossen; 
aber letzteres ist nicht der Fall. Ein grober Verstoss ist es, wenn 
man Nischen in Pilastern anbringt, was wir freilich bei einem so genialen 
Werk, wie dem Friedrichsbau des Heidelberger Schlosses, aus be- 
stimmten Gründen entschuldigen. Die Nische gehört in die Wand, 
welche sie erleichtert, aber nicht in den Pfeiler, welchen sie schwächt. 
Man kann ferner einen allmählichen Übergang konstruieren vom Pfeiler 
zur Wand. Weil jedoch logisch beide sich völlig entgegengesetzt sind, 
"ist es falsch, diesem Übergang architektonische Gestaltung zu verleihen, 
wie es geschieht, wenn die ganze Wandfläche zwischen zwei Fenstern 
in den Formen des Pfeilers gehalten und der Rahmen aufgegeben wird. 
Aber es lässt sich nichts dagegen einwenden, wenn am Fenster die 
Kunstform des Rahmens teilweise unterdrückt und dasselbe zwischen 
zwei Säulen und Gebälk gefasst wird. Diese Form ist eine Weiter- 
bildung der Verdachung auf Konsolen, wie sie schon die Erechtheion- 
thür zeigt. Übrigens ist sie im allgemeinen empfehlenswerter bei Ver- 
1) Bei V15 Chef ßgßrie" („Ästhetik" S 556 m) ein ziemlich unklarer Begriff des 
"ästhetischen Uberflusses." Er findet im Verhältnis der ästhetischen und praktischen 
Zweckmässigkeit der Architektur seine Erklärung: Nicht ästhetisch darf ein ÜberHuss 
bestehen, aber praktisch kommt ein solcher häufig vor, sowohl in der organischen 
Gliederung als in der Anordnung ganzer Räume. 
Alt, System der Künste. I4
        

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