Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376923
DIE 
WAHRHEIT 
DER 
ARCHITEKTUR. 
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den. Dieser Grundsatz gilt aber bloss für ein einziges horizon- 
tales Pilastersystem; denn in vertikaler Richtung kann die Wand als 
tragend Säulenstellungen und ebenso auch Pilasterstellungen über sich 
aufnehmen. Ubrigens lässt es sich mit demselben ganz wohl vereinbaren, 
dass man auch in horizontaler Richtung die organische Gliederung 
mit der Wand abwechseln lässt, wo dies ideell motiviert ist, z. B. an 
Mittel- und Eckrisaliten. Aber es verrät gänzlichen Mangel künstleri- 
schen Gefühles, wenn man Ecklisenen, die eine ganze Stockwerkbreite 
auseinanderstehen, mit einem Pilasterkapitell abschliesst oder als Pilaster 
gestaltet, liege darüber bloss ein Hauptgesims oder gar ein ganzes 
Gebälk. Die Teilung des äusseren Organismus nach Stockwerken 
scheint man der Durchführung eines Pilasters durch mehrere Stock- 
werke (Palladio) im Ganzen vorziehen zu sollen, weil wir uns beim 
Anblick der Fenster von dem Eindruck der inneren Teilung nicht los- 
machen können und weil die Funktion des Tragens von dem Pilaster 
eben der Wand abgenommen wurde. Es kommt hierbei jedoch immer 
nur darauf an, dass die künstlerischen Voraussetzungen bezüglich des 
Verhältnisses der Mauer zu den gesonderten Stützen mit logischer 
F olgerichtigkeit gewahrt werden, und daher ist die Anordnung eines 
Hauptstützensystems für das Dach und eingestellter weiterer Stützen 
für ein oberes Stockwerk wohlberechtigt (Konservatorenpalast von 
Michel Angelo). Die Verbindung zweier Stützensysteme, welche sich 
gegenseitig durchdringen, hatten schon die Römer erfunden und korrekt 
durchgeführt (Kolosseum; Sansovino, Palladio). Überall muss man sich 
hier vor einem rigorosen Urteil hüten; z. B. ist die Anordnung einer 
dekorativen Säulenstellung vor einer als tragend behandelten Wand 
gewiss zulässig, wenn sie durch eine geeignete Vorschiebung des Ge- 
bälkes motiviert wird. 
An die Frage des Pilasters schliesst sich die Frage der Ver- 
kröpfung des Gebälkes. 
Gewiss ist die Vorstellung gerechtfertigt, dass der auf den Stützen 
lagernde Rahmen des Gebälkes (im Grundriss aufgefasst), nicht direkt 
von diesen, sondern an vorspringenden Teilen getragen werde; diese 
Vorstellung ist aber unstreitig eine weniger unmittelbare als diejenige 
des unverkröpften Gebälkes und daher nicht mehr so vollkommen 
ästhetisch. Doch wird sie vollständig motiviert, wenn das vorspringende 
Gebälkstück dazu bestimmt ist, eine besondere Last aufzunehmen, 
Figurenschmuck, Vasen u. dergl., endlich eine neue Säule bezw. einen 
Pilaster. Im letzteren Fall steht ihr ästhetischer Wert ausser Zweifel; 
wenn die vertikale Dimension bei mehrfacher horizontaler Teilung 
überwiegt  und es giebt keinen vernünftigen Grund, dies abzuweisen
        

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