Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376900
DIE 
NVAH RHEIT 
DER 
ARCHITEKTUR- 
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nachahmende Bemalung ungegliederter Fassaden. Denn 
Verhüllung wird die Erinnerung an die Eigenschaft der 
Stütze verwischt, und insoweit erscheint dann die Wand 
durch die 
Mauer als 
als haltlos 
ganz allein zu erklären sind. Das ist der Prometheusfunke, welchen Semper (a. a. O. I, 
S. 364) selbst fordert. Er wollte der antiken Formensprache eine unumstössliche 
Allgemeingültigkeit dadurch sichern, dass er sie, gegen Bötticher, konstruktiv ent- 
standen sein liess; er dachte nicht daran, dass die ganze thatsächliche Bedeutung 
der Form in demselben Moment verschwunden ist, wo sie auf Stein übertragen wird, 
dass sie nun bei weitem fragwürdiger geworden ist, als wenn sie aus dem vom 
Material abstrahierenden Zweckrnässigkeitsgefühl erklärt wird. Der Fehler Sempers, 
auf welchen die Unklarheit seines Werkes zurückgeführt werden muss, war der, dass 
er von der historischen Entstehung den ästhetischen YVert der Formen nicht unter- 
schied. Es liesse sich schwer begreifen, dass er jenen inneren Widerspruch zwischen 
materialmässiger Formbehandlung und Verhüllung gar nicht bemerkt hat, wenn wir 
nicht wüssten, wie sehr ihm eine andere Frage am Herzen lag, diejenige der Poly- 
chromie. Dieselbe ist jedoch eine Frage teils der Verzierung, teils der naturalisti- 
schen Nachahmung und hat mit derjenigen der Kunstformen nichts zu schaffen. 
Beides hat Semper vermischt und infolgedessen die stilgeschichtliche Bedeutung der 
textilen Kunst überchätzt. Ein Trieb zur Bekleidung mit edleren Stoffen liegt aller- 
dings in der menschlichen Natur, und seine weitgehende Wirksamkeit in vorklassi- 
scher Zeit kann durchaus nicht geläugnet werden. Allein er ist nicht zu erklären 
als Lust am Verhüllen, sondern als Verzierungslust und wird nur dadurch mit 
der Entwickelung der organischen Form in klassischer Zeit als Vorstufe vereinbar. 
In einer Besprechung der Göllerschen Werke von Cornelius Gurlitt ("Deutsche 
Bauzeitung" von 1883, Nr. 101) finde ich folgenden Satz: HSCIIIIJCTS Stil löste Bötti- 
ehers Tektonik ab. Er lehrte uns, das Entstehen der Formen geschichtlich zu be- 
trachten  welche aber nun nicht mehr die symbolische Darstellung der Einzelwerke 
zur Aufgabe haben, sondern dem Beschauer geläufig geworden sind, vom Künstler 
wie die Phrasen in der Sprache "bildlich" verwendet werden." Ich bedaure, eine 
so unrichtige oder unklare Auffassung bei einem so tüchtigen Forscher wie Gurlitt 
zu finden; freilich mag es behufs Einführung des Barockstils mitunter wünschens- 
wert sein, dass die architektonische Symbolik als lediglich konventionell betrachtet 
werde. Semper aber hat (a. a. O. I, S. 7) ausdrücklich das Programm seines Werkes 
aufgestellt und darin gesagt, dass die Bestimmung eines jeden technischen Produktes 
dem XVesen nach zu allen Zeiten dieselbe bleibe, insofern sie sich auf das allgemeine 
Bedürfnis des Menschen gründe, dass dagegen die Stoffe und deren Bearbeitung sich 
änderten; er wolle deshalb die "formell-ästhetischen" Betrachtungen jeweils an die 
Frage über das Zweckliche, die "stilgesphichtlichen" an diejenige über das Stolfliche 
knüpfen. Daraus geht hervor, dass er zwar eine Veränderung der Formen durch 
das Material angenommen hat, diese Formen aber von Hause aus als zwecklich be- 
gründete und allgemeingültige ansah. Er hat allerdings gerade an demjenigen Punkt 
seines Werkes, wclChßf ihm SCUJSC Unzweifelhaft am meisten am Herzen lag, nicht 
Wort gehalten: anstatt die zweckliche Form aufzuzeigen und hierauf ihre Wandlung 
durch den Materialstil darzulegen, statuiert er eine unveränderte Übertragung von 
konstruktiven Metallformen in Stein und giebt keinerlei Zusammenhang an zwischen 
den angeblichen Metallhohlkörperformen und den vorausgegangenen Holzformen,
        

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