Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376881
DIE 
WAHRHEIT 
DER 
ARCHITEKTUR. 
203 
keine Schwierigkeit. Oder aber der verwendete Stoff leidet eine 
mannichfaltigere Behandlungsweise als der nachgeahmte; hier besteht 
grosse Gefahr, dass die Imitation eine unmögliche Form erhalte. Man 
kann dem Stuck die Werkformen des Holzes geben, aber nicht dem 
Holz alle diejenigen, in welchen Stuck auftritt. Bildet also der 
Künstler die Formen einer Täfelung in Stuck nach und verleiht ihnen 
auch die Färbung des Holzes, so lässt sich dies aus rein ästhetischen 
Gründen nicht verwerfen. Wohl aber ist dies dann der Fall, wenn er 
eine glatte Wandfläche mit einer durchlaufenden Holzmaser bemalt 
oder eine Gartenbank von gebogenem Eisen mit einem Holzanstrich 
versieht. 
Die Imitation ist nun aber in den meisten Fällen sehr empfindlich 
gegen äussere Einflüsse wie Druck, Stoss u. s. w., und wenn infolge 
dessen ihre wahre Natur enthüllt wird, so entsteht der das ästhetische 
Vergnügen vernichtende Eindruck der Unwahrheit, welcher höchstens 
dadurch etwas gemildert wird, dass ersichtlich nicht die Absicht auf 
künstlerische Wirkung der Grund der Imitation war. Es ist auch nicht 
wohlanständig, mit unechten Kostbarkeiten zu prunken. Aus diesen 
praktischen Gründen soll allerdings die Imitation möglichst vermieden 
werden; aber dieselben sind nicht Ivon Haus aus ästhetische, sie be- 
zeugen nur den engen Zusammenhang von ästhetischer und praktischer 
Beurteilung bei den Artefakten. So erklären sich viele Fälle ohne 
Störung der logischen F olgerichtigkeit, während diejenigen Ästhetiker, 
welche die Forderung absoluter Echtheit als Grundsatz aufstellen, 
häufig "eine inkonsequente Milde walten lassen müssenf) 
Praktisch ganz zu verwerfen ist die Imitation im Kunsthandwerk; 
denn sie muss dasselbe bei der überwiegenden Bedeutung, welche die 
handliche Fertigkeit hier hat, notwendig zu Grunde richten. Die 
Frische der Handarbeit, ein wesentliches ästhetisches Moment, kann 
von ihr nie oder doch nur in wenigen Ausnahmefällen erreicht werden. 
Das beweisen die galvanischen Nachahmungen des sog. cuivre poli, 
mit welchen der Markt überschwemmt wird. 
Der Imitation steht die nichtimitative Verhüllung gegenüber, 
gewöhnlich eine willkürliche Färbung. Das ästhetische Gesetz für die- 
I) Göller sagt durchaus richtig (a. a. O. S. 108): "Würde die Täuschung voll- 
ständig und dauernd gelingen, würden wir wirklich Stein zu sehen glauben, wo Holz 
oder Zink oder Verputz ist, so wäre kein Grund denkbar, aus dem unser Kunstgenuss 
geringer sein sollte als gegenüber dem Stein. Also nicht die vermeinte Entwendung 
fremder Formen ist das ästhetische Vergehen, sondern die Ungeschickliclmkeit, sich 
bei der Entwendung erwischen zu lassen."
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.