Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376852
2OO 
DIE 
ARCHITEKTUR  
bestimmten Materiales ihren Ursprung haben, auf ein anderes über- 
tragen werden dürfen. Dies kann nicht gebilligt werden, wenn sie 
infolgedessen als Nachahmungen verstanden werden müssten und an- 
derenfalls überhaupt kein Verständnis finden könnten. Denn dies 
würde dem Wesen der Architektur schnurstracks zuwiderlaufen, da sie 
eine nicht-nachahmende Kunst ist. Gewisse historische Erscheinungen 
mögen immerhin so erklärt werden müssenß) 
Nun giebt es aber doch noch gewisse Möglichkeiten der Über- 
tragung. Die hauptsächlichste besteht dadurch, dass infolge der tech- 
nischen Bearbeitung eines Materiales zufallig eine wahre Kunstform 
entstanden ist. Z. B. kann man am steinernen Sockel einer Säule 
ganz wohl die Form eines Rahmens mit vertiefter Füllung anwenden, 
obgleich man dieselbe dem hölzernen Geschränk verdankt, weil sie 
nämlich hier den rein abstrakten Sinn einer Verstärkung der Kanten 
gewinnt. Ebenso entsteht aus der metallbeschlagenen Holzthür die 
Metallthür in den Formen des Geschränkes (Typus: die Thüren des 
Pantheons). Die Anordnung von Rahmen und Füllungen kam übrigens 
auch der Metallkonstruktion zu Gute?) Eine andere Möglichkeit der 
Übertragung beruht darauf, dass eine technisch entstandene Form als 
blosses Ornament verwendet werden kann. So wird die Rosette häuüg 
als blosses rhythmisches Ornament angewandt. Das Blechornament 
der deutschen Renaissance gehört hierher. jedoch ist es unpassend, 
diese Ornamente so zu verwenden, dass ihre frühere technische Be- 
deutung sinnwidrig zu Bewusstsein kommt; z. B., wenn man die Kanten 
eines steinernen Säulensockels mit Rosetten oder Nietköpfen besetzen 
wollte. Ganz verwerflich ist die Übertragung, wenn die übertragene 
Form der Natur des erscheinenden Bildstoffes zuwiderläuft, z. B. die 
Übertragung der Rustikaquader oder fassettierten Quader auf Holz- 
gebilde. 
Das erscheinende Material übt endlich, wie schon angedeutet 
I) So müssen nach Semper (a. a. O. I, S. 215) die bekannten lykischen Grab- 
mäler als Nachahmungen des Holzscheiterhaufens mit dem Sarkophag in Stein erklärt 
werden, nach Maspero, entsprechend der Theorie vom "Iia", als Nachahmungen 
eines hölzernen Wohnhauses. Diese Gebilde wird man in ihrer Eigenschaft als 
Grabmäler ganz gerechtfertigt finden. Dagegen bekundet die monumentale Verewi- 
gung, welche das Zelt in der ägyptischen Architektur gefunden hat, eine laarbarische 
Auffassung dieser Kunst. 
2) Vergl. Durm a. a. O. "Römer", S. 225 o. Aber notwendig ist diese Form 
der Hohlkörperkonstruktion keineswegs und deshalb, wenngleich historisch, so doch 
nicht ästhetisch aus dieser zu erklären. Vergl. hiezu Semper a. a. O. I, S. 343.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.