Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376839
198 
DIE 
ARCHITEKTUR. 
dingte Herrschaft aus. Denn wir kennen den erscheinenden Stoff 
und seine Bedingungen, deren Verletzung uns den bevorstehenden 
Untergang des Artefaktes sogleich vor Augen stellen würde. Dies 
aber wäre auch ästhetisch ganz unzweckmässig und gegen alle Absicht; 
es wirkt daher hässlich durch Unwahrheit. Umgekehrt können wir 
konstatieren, dass bei den Artefakten, eben weil sie kosmische Gebilde 
sind, ein besonderes ästhetisches Vergnügen daran bestßht, C1355 uns 
das natürliche Gewordensein aus den Formen deutlich erkennbar ist. 
So wird z. B. ein Artefakt aus Porzellan uns besonders befriedigen, 
wenn seine Form die Eigenschaften der die Formen verkleisternden 
F eldspatglasur, der sie verdrehenden und abstumpfenden Gluthitze des 
Ofens zeigt und formell verwertetf) Daraus fliesst die Angemessenheit 
des Rococostiles für das Porzellan; ein merkwürdiges Zusammentreffen, 
da dieser Stil unstreitig subjektiv entstanden ist. Bei nachahmenden 
Kunstwerken (Figürchen) muss die Eigentümlichkeit dieses Materiales 
als negatives Moment wirken, wenn sie nicht ganz überwunden wird. 
Das Glas tritt auf in zweierlei Zuständen: als harter, spröder, mit 
Hülfe schneidender und wetzender Instrumente zu behandelnder Körper, 
und erweicht als sehr zähe und dehnbare Substanz, welche sich in 
höchst eigentümlicher Weise blasen, ziehen und klemmen lässt. Diese 
letzteren Prozeduren begründen den eigentlichen Glasstil, wie ihn die 
Alten bereits ausgebildet hatten und die Venezianer zur höchsten Voll- 
endung brachten?) 
Bei den niederen Artefakten, wo der äussere Zweck überwiegt, 
kommt die angemessene Behandlung des Materiales selbstverständlich 
mehr mit den durch den äusseren Zweck bedingten Formen, als mit 
Kunstformen im engeren Sinn in Konflikt. Die Lösung findet statt, 
indem sich die möglicherweise allein durch das Spiel mit der Prozedur 
entstandenen Formen mit einer konkreten Idee zufällig vereinigen. 
Dann sind sie auch schön. Die Hingebung des Kunsthandwerkers an 
die Prozedur kann aber ebensogut die Schönheit ganz vernichten. Z. B. 
wird ein Glasgefäss, dessen Bauch mehrfache Einziehungen und ent- 
sprechende kugelförmige Ausladungen zeigt, uns die Prozedur des 
Glasblasens sehr deutlich vor Augen führen; allein wenn dadurch die 
Sonderexistenz des organischen Gliedes unkenntlich geworden und die 
Zweckmässigkeit seiner Form verkümmert ist, so ist dies eben hässlich, 
selbst wennsich das allerälteste Muster dafür finden sollte. Es ist 
freilich angemessen, dass wir dem Material um so grösseren Einfluss 
S I26_ 
0' S l27_ 
I) Semper a. a. O. II, 
2) Vergl. Semper a. a.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.