Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376799
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
vollkommen dienlich. Sie sieht sich also in diesem Falle genötigt, 
möglichst ausschliesslich den Stein in Anwendung zu bringen. 
Man hat nun gesagt, die Verwendung des Steines in Balkenform 
sei diesem Material nicht adäquat, weil der Stein dem Zerbrechen 
durch die eigene Last bei seiner geringen relativen Festigkeit in hohem 
Grade ausgesetzt ist; sie sei mithin stilwidrig. Der Stein bedinge not- 
wendig die Form des gewölbten Bogens. Wie weittragend die Kon- 
sequenzen einer solchen Auffassung sind, liegt auf der Hand; die 
Griechen hätten die Aufgabe einer monumentalen Architektur auf 
Kosten des Stils, d. h. überhaupt nicht gelöst, und schliesslich wäre 
jeder horizontale Schluss einer Maueröffnung (an Fenstern und Thüren) 
zu verwerfen. Allein sie ist gänzlich unstichhaltig. Denn in den ent- 
scheidenden Eigenschaften der beiden in Konkurrenz tretenden Stoffe 
ist hier nur ein Quantitätsunterschied: bei fortgesetzter Vergrösserung 
der Spannweiten wird schliesslich auch das Holz zur horizontalen 
Stützenverbindung unbrauchbar, sei es in Folge Einbiegens oder Zer- 
brechens; und umgekehrt sind im Stein Spannweiten möglich, welche 
den Unterschied zwischen beiden Stoffen viel geringer erscheinen lassen, 
als man gemeinhin annimmt!) Der Stein darf in Balkenform verwendet 
werden, soweit dies möglich ist, während es sich beim Holzbalken 
eben auch nicht anders verhält. Wenn wir in der Idee des Hauses 
vollkommene Gliederung nach Funktionen verlangen, so scheint die- 
selbe umgekehrt gerade bei Anwendung des Gewölbes unerreichbar 
zu sein, weil der Seitenschub des Gewölbes neben der absoluten Säule 
noch ein seitliches Widerlager verlangt, welches als rein mechanischer, 
in der Idee nicht enthaltener und nicht unmittelbar verständlicher Be- 
standteil nur eine thatsächliche, aber keine ästhetische Zweckmässig- 
keit haben kann. Durch eine entsprechende Verstärkung der Säule 
kann nicht geholfen werden, weil auf diesem Wege die organische 
Proportion vernichtet würde. Schopenhauer hätte also Recht, wenn 
er sagt, dass im Gewölbebau die Funktionen des Stützens und Lastens 
nicht rein gesondert seien?) Man wird zugeben müssen, dass mit 
 I) Durm weist (a. a. O. "Griechen", S. I4 H.) die Entstehung des dorischen 
Baustiles aus Holzkonstruktionen im allgemeinen mit der Erwägung ab, dass weder 
der horizontale Balken, noch die konstruktive Dreiecksform des Giebels der Holz. 
konstruktion allein eigentümlich sei; dass vielmehr der charakteristische Unterschied 
zwischen Stein- und Holzkonstruktion auf der eigenartigen Verbindung der einzelnen 
Teile beruhe, wie z. B. an den lykischen, aus Stein gemeiselten Grabmälern die sich 
rechtwinkelig kreuzenden Balken "überkämmt" gearbeitet und dadurch als Übertra- 
gungen von Holzformen in Stein gekennzeichnet sind. 
2) Vergl. „Die YVelt als Wille und Vorstellung" II, S. 468 ff.
        

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