Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376786
DAS 
ORGANISCH 
SCHÖNE 
VERHÄLTNIS 
ZUM 
MATERIAL. 
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dieselben ergreifen aber nicht das Wesen derselben. Anderenfalls 
kann von Kunstformen überhaupt nicht mehr gesprochen werden. 
Dagegen bedingt das Material sehr verschiedene Werk- 
formen, welche neben der Kunstform auftreten und dieselbe ganz 
oder teilweise verdrängen können!) 
Das Verhältnis des Materials zu der zwecklichen Form wird be- 
sonders wichtig beim Gebäude, als dem höchststehenden Artefakt. 
Die künstlerische Gliederung des Hauses muss eine dreifache sein, 
entsprechend den Funktionen des Tragens, Lastens und Raum- 
schliessens. Ein Material, welches von gleicher Zweckmässigkeit für 
jede derselben wäre, existiert nicht, wenn man nämlich eine wahre 
Sonderung von Stütze und Raumabschluss vollzieht. In diesem Fall 
dürfte als ideales Material für die Stützen der Stein zu betrachten sein, 
vermöge seiner grossen rückwirkenden Festigkeit. Bei seiner geringen 
relativen Festigkeit entspricht er dagegen den Anforderungen der 
horizontalen Überbrückung von Raumöffnungen keineswegs in gleichem 
Masse, wie der Holzbalken; das Holz ist also wohl das ideale Material 
für den Zweck der lastenden Glieder. Endlich bleibt für den Raum- 
abschluss ein Material zu suchen, welches eine möglichst scharfe Son- 
derung dieser Funktion von derjenigen des Tragens gestattet, welches 
dem Begriff der ersteren möglichst rein entspricht und übrigens die 
in Säule und Gebälk verbundenen Kräfte möglichst wenig in Anspruch 
nimmt. Diese Eigenschaften vereinigt in vollkommenster Weise allein 
der gewebte Teppich. 
Zu vollständiger Einheitlichkeit des Materials gelangte die Archi- 
tektur selten. Nur im Haurän findet sich ein absoluter Steinbau?) 
Regelmässig behilft sie sich mit einer Kombination verschiedener Stoffe. 
Als hohe Kunst hat sie aber naturgemäss grosses Interesse an mög- 
lichster Dauerhaftigkeit ihrer Erzeugnisse, und hierfür ist nur der Stein 
I) Vergl- Durm, "Etrusker" S. 109, Abs. 2: "Nicht auf die Kunstform hatte 
das Material 1331151195, Sondern nur auf die Art der technischen Herstellung. Das 
korinthische Kapitell bleibt dasselbe, ob es in Terrakotta, Marmor, Sandstein oder 
Metall ausgeführt wurde" etc. Ferner Falke, "Ästhetik des Kunstgewerbes", S. 73': 
„Also die Zweckmässigkeit ist es, welche die Grundgestalt eines Gegenstandes schafft, 
unabhängig von dem Material, aus welchem esgebildet wird. Denn ob das Fass, 
der Krug, der Becher aus Glas, Holz, Stein oder Metall besteht, die Grundgestalt 
wird immer dieselbe sein." Die völlige Unabhängigkeit der Kunstform vom Werk- 
stoff hat Bötticher in seiner "Tektonik der Hellenen" (S. 44) behß-uPtCt, und 311611 
Semper erklärt (a. a. O. S. XV), dass der Stoff der Idee dienstbar sei, nicht uni- 
gekehrt, während allerdings jener die Form modißziere. 
2) Vergl. Durm im "Handbuch der Architektur", "Etrusker", S. 101, 109, Abs. 3. 
Alt, System der Künste. I3
        

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