Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376754
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
werden kann, aber in peripterischer Verwendung wäre sie uner- 
träglich. 1) 
Als Kunstform bemerkenswert ist endlich noch die vertikal symme- 
trische Strebe, der Baluster, welcher an Balustraden gitterartig 
zwischen die eigentlichen Träger derselben eingeklemmt wird. Hier 
wäre, bei geringerer ästhetischer Bedeutung der Stütze, die Anwendung 
einer verkleinerten Säule ganz unpassend, Während gleich dem Ba- 
luster auch kleine Hermen mit voller Berechtigung Verwendet wenden. 
Aus technischen und ästhetischen Gründen bedarf das ganze Ge- 
bäude einer Basis, Welche es über den Boden erhebt. Der dorische 
Stil bediente sich eines treppenförmigen Stylobats, welcher die gemein- 
same Basis der Säulen abgab. Die Festlichkeit und Würde dieses 
Motivs der Erhebung des Tempels über den profanen Boden ist un- 
verkennbar. Aber es bildet keine notwendige Kunstform. Im korinthi- 
schen Stil tritt an seine Stelle der vertikale Sockel, der durch beson- 
dere Basis und "Deckplatte sowie geeignete junkturen gegliedert wird. 
Eine Kunstform des Daches giebt es nicht. Es ist gegenüber 
der Idee völlig gleichgültig, ob dasselbe flach oder mehr oder weniger 
steil, als Satteldach oder Walmdach, Kuppel oder Zeltdach gebildet 
wird. Hierüber entscheidet ganz allein das formelle Schönheitsgesetz. 
Damit dürften wir die in der Idee der Behausung begründeten 
Kunstformen der eigentlichen Architektur ziemlich erschöpfend dar- 
gestellt haben. Man sieht, dass die Idee von keinem der antiken 
Baustile vollkommen verkörpert wurde, sondern dass sie gewissermassen 
zwischen diesen Resultaten einer langen historischen Entwickelung in 
der Mitte schwebt. Ich kann mir nicht denken, wie es jemals eine 
andere unmittelbare Formensprache der Architektur geben könnte, zu- 
mal es bis jetzt, wie wir weiter unten darthun werden, noch nie eine 
andere gegeben hat. Die Ausführungen Göllersz) haben mich keines- 
Wegs vom Gegenteil überzeugt. Deshalb sind doch verschiedene 
Formensprachen möglich, aber nur konventionelle, nicht unmittelbar 
wirkende, und überhaupt kann eine Mehrzahl der Baustile schon da- 
raus hervorgehen, dass man die Werke der Architektur anders auffasst, 
den Schwerpunkt der ästhetischen Betrachtung wo anders hin verlegt, 
1) Die erste Stütze dieser Art ist die ägyptische Säule Tuthmosis' III. (Karnak), 
welche ich lediglich als eine formelle Spielerei ansehen zu müssen glaube. Wie 
neuere Forscher die bekannte reich ornamentierte Halbsäule von einem Kuppelgrab 
zu Mykenä (abgeb. bei Lübke, Gesch. der Arch., S. 100) auf den Kopf Stellen mögen, 
ist mir unerklärlich. Vergl. L. v. Sybel, Weltgesch. der Kunst, S. 55. 
2) "Entstehung der Stilformen" S. 3.
        

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