Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376745
DIE 
ORGANISCHE 
SCHÖNHEIT 
DER 
ARCHITEKTURXVERK E. 
139 
einer senkrecht anstossenden Mauer charakterisiert und deshalb nicht 
mit dem Pilaster verwechselt werden darf. Der Pilaster ist nämlich 
die auf die Wand projizierte Säule, neben welcher letztere nicht mehr 
tragend, sondern nur noch als seitlicher Raumabschluss funktioniert, 
sodass ein korrektes Pilastersystem durchaus die Verhältnisse eines 
Systems freistehender Säulen haben muss. Der Pilaster verliert die 
runde Gestalt der raumöffnenden Säule und bequemt sich der gerad- 
linigen Flucht der Wand an. Statt dessen können auch Halbsäulen 
(besser Dreiviertelssäulen) mit gleicher Berechtigung verwendet werden. 
Bei besonderer Betonung der struktiven. Funktion der Bestandteile 
der Mauer, welche in bestimmten Fällen gerechtfertigt ist, erhalten 
die Quadern die Kunstform eines Rahmens, mit einer nicht zurück-, 
sondern hervorspringenden Füllung (dem Spiegel). Denn der Quader- 
stein ist "nach aussen thätig, nicht innerlich und in sich zurückkehrend, 
wie der tektonische F üllungsrahmen. Diese Thätigkeit giebt sich 
am kräftigsten im Spiegel, gleichsam dem Stützpunkte der beiden 
senkrechten Kräfte, Druck und Gegendruck, kund. Es waren daher 
bei der uralten Erfindung der sog. bossierten Quader nicht allein 
Absichten der Ökonomie  sondern mehr oder weniger klar ins Be- 
wusstsein getretene ästhetische thätig. Eine Quader mit vertieftem 
Spiegel wäre ein stilistisches Unding" (Semper). 
Die Raumdecke kann nicht wohl eine andere Kunstform an- 
nehmen, als diejenige eines Systems von Balkenrahmen und Füllungen. 
Eine bestimmte Einteilung derselben geht aus der Idee nicht hervor; 
dieselbe unterliegt daher lediglich den formellen Schönheitsgesetzen. 
Die einfachste und ursprünglichste Form bildet die Kassette über 
gekreuzten oder parellelen Balken. 
Neben der Säule hat die Renaissance noch eine Stützenform ge- 
schaffen, die Herme, welche, nach unten verjüngt, im Verhältnis zum 
Fussboden das konträre Gegenteil jener bildet. Diese Form ist zu 
erklären als ein Analogon der Füsse von Möbeln, welche durch Ver- 
jüngung nach unten die Beweglichkeit ausdrücken müssen. Denn diese 
ist den Möbeln im Gegensatz zu den feststehenden Gebäuden wesent- 
lich. 1) Ebendeshalb ist die Herme als monumentale Kunstform höchst 
bedenklich; sie bildet eine willkommene Bereicherung der Formen- 
sprache, wo ihr auf irgendwelche Weise der nötige Halt gegeben 
Vergl. 
Semper 
356 
340 ff.
        

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