Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376737
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
liche junkturen, Rundstäbchen (Astragaley) und Plättchen als deren 
Vorbereitung, Begrenzung und als eine ornamentale Bereicherung. 
Das weitvorragende ionische Geison wird durch die Zahnschnitte (Gei- 
sipodes, Geisonfüsse) getragen, welche zwar zufällig sehr deutlich an 
ihren Ursprung aus der nachahmenden Übertragung der Deckenbalken- 
köpfe eines Holzhauses in Stein erinnern, ästhetisch aber nichts sind 
als verzierende Reihungen mit konsolenähnlicher Funktion. Nicht 
alle Formen der antiken Ordnungen sind ideal, sondern mitunter eben 
nur dekorative Anwendungen historischer Motive. 
Neben den beiden Bestandteilen der Idee des Gebäudes, welche 
wir hiermit abgehandelt haben, steht noch derjenige des Raumabschlusses. 
Die künstlerische Verwendung der geschichteten Mauer bedingt ver- 
schiedene weitere Kunstförmen. Als die wichtigste erscheint mir die- 
jenige der Konsole, durch welche an der vertikalen Mauerfläche eine 
horizontale Fläche zur Aufnahme irgendwelcher Gegenstände geschaffen 
wird und welche das Gesetz des Verhältnisses der Wellenlinien zu den 
senkrecht zusammenstossenden Flächen befolgen muss (Konsole der 
Ereclmtheionthür). Die Mauer bedingt ferner Durchbrechungen, deren 
Kunstform, der Rahmen, ein Analogon des Architravs wird sein 
müssen (Erechtheionthür), übrigens aber keineswegs sich sklavisch an 
dieses Profil zu binden braucht. Aufsteigende Rahmen, welche auf 
Simsen stehen, zeigen bei den ersten Meistern der Renaissance die 
Wiederkehr des Profils da, wo sie auf dem Sims aufsitzen; es dürfte 
vielleicht empfehlenswerter sein, das Profil sich im Sims totlaufen zu 
lassen. Zur Mauer gehört endlich die Ante, welche die Stirnfläche 
1) Die Astragale mit Bötticher und Hauser als verkniipfendes Band der da- 
riiberliegenden Blätter der Kymatia aufzufassen, halte ich für verkehrt. Diese letz- 
teren, angeblich umgebogenen Blattspitzen ferner wären ein völlig widersinniges 
Ornament des aufstrebenden Echinus, da man nur ihre Abwärtsbewegung sieht; die- 
selben sind vielmehr lediglich als die einzig mögliche ornamentale Raumkomposition 
zu betrachten, welche durch die Gestaltung als "Eierstab" nicht verschlechtert wird. 
Wenn an runden Säulen die Erklärung Böttichers noch erträglich ist, so wird sie 
am fortlaufenden Gebälk ganz sinnlos. Semper sagt zutreffend, der Eierstab unter- 
scheide sich von dem Perlenstabe nur dadurch, "dass dieser in Beziehung auf die 
Begriffe Oben und Unten ganz indifferent ist, jener dagegen einen von diesen beiden 
Begriifen vergegenwärtigt. Es ist nicht notwendig, diese konventionellen Einheiten 
überall für überfallende und sich selbst halb bedeckende Blätter zu halten" u. s. w, 
S. Semper a. a. O. I, S. I7; und a. a. O. S. 80: "Das Band wirkt nach der Länge, 
die Naht dagegen nach der Breite ihrer Ausdehnung." Auch Adamy (vergL degsen 
Architektonik der Hellenen S. 170 ff.) vertritt die Ansicht, dass die Erklärung der 
Echinusverzierung als fallende Blattspitzen eine sinnwidrige und dass eine rein for- 
melle an deren Stelle zu setzen sei.
        

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