Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376691
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DIE 
ARCHITEKTUR  
dem Boden und eine energische Trennung und Aufwärtsbewegung 
von demselben ausspricht, würde genügen. Allein die attische Basis 
verstärkt den Ausdruck durch eine Verdoppelung derselben, wobei 
der erste Anlauf dem zweiten präludiert; zugleich wird durch die 
vertikale Symmetrie der beiden Polster, welche durch den Trochilus ge- 
trennt sind, der ganzen Basis die Selbständigkeit eines besonderen 
organischen Gliedes gegeben. 
Der Zusammenstoss der Säule mit dem Gebälk fordert als Ka- 
pitell im allgemeinen nichts weiter, als eine Ausladung. Als ver- 
bindend wird dieselbe wohl kaum aufgefasst werden, vielmehr als 
oppositionell, als in der Ausladung zu einer Lagerfläche fortgesetzt 
aufstrebend. Daher scheint mir der dorische Echinus mit seinem 
energisch federnden Pronl die Idee am besten zu erfüllen. Die Reif- 
chen zwischen dem dorischen Echinus und dem Säulenschaft kann ich 
nicht mit Bötticher als um die NVurzeln der üblichen farbigen Blatt- 
verzierung gelegte Bändchen auffassen; vielmehr erscheinen sie mir als 
Cäsur und als präludierende Anläufe. Der Echinus trägt seinerseits 
den Abakus, welcher die Lagerfläche des Gebälks und den organischen 
Abschluss der Säule nach oben bildet. Während die Säule im Ganzen 
als raumöffnend und senkrecht oder centrisch tragend (Semper) absolut 
allseitig gerichtet, d. h. im Durchschnitt kreisförmig sein muss, 1) richtet 
sich die Grundrissform des Abakus nach der rechteckigen Gestalt des 
Gebälks, welches aufzunehmen seine Zweckbestimmung ist; aus einem 
kreisförmigen Glied sich entwickelnd, kann er nur quadratisch sein. 
Die Idee fordert endlich ein Halsglied unter dem Echinus. Auch die 
dorische Säule entbehrt einer entsprechenden Cäsur nicht ganz. 2) 
Die beschriebene Idealform des Kapitells steckt auch im jonischen 
Kapitell. Das Polster mit den federnden Voluten, welches dort an 
Stelle des Abakus tritt ist historisch zu erklären als die endliche Ge- 
stalt einer uralten Zierform, welche die Griechen genau soweit ver- 
vollkommneten, dass sie der Idee entsprach, ohne ihre geschichtlich- 
individuelle Eigentümlichkeit und ihre phantastische Grazie zu verlieren. 
I) Vergl. Durm im "Handbuch der Architektur,"_ Griechen S. 61, wo die ab- 
surde Idee, die Rundform sei wegen des leichteren Herabrollens der Säulen aus den 
Steinbrüchen erfunden, mit den treffenden Worten zurückgewiesen wird: „Aus dem 
Zufälligen der Handwerkspraxis heraus werden keine Kunstformen erfunden." 
2) Das Vorhandensein einer Mehrzahl von Einschnitten unter dem Hypotrache- 
lion (Säulenhals) an einer Reihe von Monumenten beweist, dass die Cäsur nicht aus 
blossen technischen Gründen erklärt werden kann. Vergl. Alois Hauser, Stillehre, 
Wien 1882, S. 47 und Durm, Griechen, S. 63.
        

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