Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376680
DIE 
ORGANISCHE 
SCHÖNI-IEIT 
DER 
ARCHITEKTURYVERKE. 
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Gebälk, welche, um Glieder zu sein, ihren besonderen Zweck als ab- 
geschlossene Bestandteile erfüllen müssen und ihrerseits wieder eine 
systematische Gliederung finden. Dabei sind vier Profile von beson- 
derer Wichtigkeit, welche jeweils beim Zusammenstoss einer horizon- 
talen und einer vertikalen Fläche auftreten und die Lösung des ent- 
standenen Konflikts versinnlichen ("junkturen"). Dies thun sie in allen 
Fällen durch eine S-förmige, steigende oder fallende Wellenlinie. 
Über die Anwendung entscheidet das Gesetz, dass sich die Auswärts- 
biegung stets an die im Rechteck längere Strecke der zusammen- 
stossenden Flächen schmiegen, die Einwärtsvolute aber auf der kür- 
zeren aufsitzen muss. Verstösse gegen das Gesetz bemerkt man am 
leichtesten bei Balkonträgern; wenn die Auswärtsbiegung die kürzere 
Dimension umfasst, die Einwärtsbiegung dagegen die Balkonfläche 
trägt, so erscheint die letztere als noch mehr beschwert, statt als ge- 
tragen, wenngleich die Form statisch keine Gefahr bedingt. I) Eine 
sprachliche Bezeichnung, um diesen Gegensatz der vier Profile auszu- 
drücken, existiert nicht; ich möchte das etwa dem dorischen Kyma 
entsprechende „steigende Welle," dasselbe in der Abwärtsbewegung 
„fallende Welle," das dem lesbischen Kyma entsprechende „fallenden 
Karnies," dasselbe in der Aufwärtsbewegung „steigenden Karnies" 
nennen. Dem steigenden Karnies entspricht unter den Naturerschei- 
nungen die Linie, welche eine Schlange beschreibt, wenn sie sich mit 
dem Vorderkörper zur Abwehr vom Boden erhebt: die wirkliche 
Thätigkeit des Tiers biegt seinen Körper ganz so, wie wir im archi- 
tektonischen Profil die Funktion gewissermassen musikalisch empfinden. 
Auch die Bewegung des Schwanenhalses ist dieselbe. Der fallenden 
Wellenlinie entspricht das Profil des vollendet zweckmässigen Rists 
des menschlichen Fusses. 
An der Säule müssen Kunstformen auftreten da, WO sie sich 
vom Boden erhebt und da, wo sie mit ihrer Last zusammenstösst. 
Die ideale Form der Basis dürfte die attisch-jonische sein. Der 
Säulenschaft entwickelt sich mit einem Anlauf aus einem Polsterring, 
dessen Profil mit dem Anlauf zusammen einen steigenden Karnies 
bildet; derselbe wird jedoch durch ein Plättchen unterbrochen, welches 
dem Polster die Eigenschaft eines für sich bestehenden Gliedes giebt. 
Die beschriebene Form, welche gleichzeitig das Lagern der Säule auf 
I) Übrigens kommt es dabei nur auf das Proßl im Ganzen an; bei reich ge- 
gliederten Balkonträgern z. B. kann- es sehr wohl vorkommen, dass das Detail ent- 
gegengesetzte Protile zeigt.
        

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