Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376646
A. 1311-: ORGANISCHE SCHÖNHEIT man ARCHITEKTURWERKE. 179 
wie dort ästhetisch eine blosse Voraussetzung, und der Künstler ist 
schliesslich in beiden Fällen subjektiv gleich frei, insofern er nämlich 
bei den niederen Artefakten den Zweck selbst beliebig wählen kann, 
während dagegen bei den hohen noch nach geschehener Voraus- 
setzung eines Zweckes vieles von seinem Belieben abhängt. Am 
meisten dem äusseren Zweck unterworfen ist die künstlerische Ge- 
staltung von Geräten zum Handgebrauch; Weniger ist dies der Fall 
bei den Gebilden der Schreinerei, welche der Tektonik und damit der 
eigentlichen Architektur sich annähert. 
Die 
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Die ästhetische Gestaltung eines Bauwerkes, abgesehen von seiner 
formellen Schönheit, ist noch nicht vollendet, wenn die struktive Zweck- 
mässigkeit seiner Glieder erzielt ist. Diese rein thatsächliche innere 
Zweckmässigkeit wird nämlich nicht unmittelbar empfunden. Bei den 
Naturorganismen genügt im Ganzen genommen die thatsächliche Zweck- 
massigkeit ihrer Glieder, um von uns ästhetisch wahrgenommen zu 
werden; jedenfalls ist die menschliche Gestalt derart beschaffen: die 
Schönheit eines Beines erscheint ohne Weiteres durch seine Zweck- 
mässigkeit für die Aufgaben des Gehens, Stehens, Laufens, Springens, 
welche es zu erfüllen hat. Bei den Artefakten dagegen verhält es sich 
anders. Das Wesen der mechanischen Glieder ist nicht derart ver- 
wandt mit demjenigen lebendiger Gliedmassen, dass der Gehalt ihrer 
Formen unmittelbar in uns widerklänge. Daher bedürfen wir, um die 
zweckliche Funktion der Glieder der Artefakte fühlen zu können, viel- 
fach einer besonderen, auf unser menschliches Empünden zugeschnitteß 
nen Formensprache. Für die derselben angehörenden Formen hat 
Kunst erfordert, als dazu gehört, um irgend ein Kunstwerk der nachahmenden Künste 
oder der Architektur hervorzubringen. Die Architektur muss ihrerseits der Ver- 
wandtschaft mit den primitiven Künsten, welche ihr die ersten Formen liefern, ein- 
gedenk bleiben, wenn anders sie nicht in Stillosigkeit verenden soll. Darum sind 
aber beide Bereiche der Kunst doch in der beschriebenen Weise erheblich verschie- 
den geartet. Bei Verkennung dieser Sachlage hat das Kunsthandwerk auf die Archi. 
tektur in letzter Zeit einen mehr und mehr schädlichen Einfluss ausgeübt. Man 
gewöhnt sich an eine zum Teil schreinerhafte Gestaltung und sehr oberßächlich 
dekorative Verwendung der Kunstformen. Dabei muss das Verständnis ihres ideellen 
Wertes abhanden kommen und muss wiederum der Stil selber zugrunde gehen. 
12';
        

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