Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376635
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
dass allemal nur der unmittelbare äussere Zweck einen unmittelbaren 
Ausdruck in der räumlichen Anordnung finden kann. Zu welchen 
Zwecken sich Menschen in einem Raume versammeln, das kann man 
demselben, ausser durch symbolische Ornamentik, nicht ansehen; man 
kann ihm nur ansehen, dass er zum Zweck der Versammlung von 
Menschen dient. Dieser unmittelbare Zweck aber kann in unserm 
Beispiel in beiden Fällen gleich aufgefasst werden und in der hervor- 
ragenden Betonung der Empfangshalle seinen Ausdruck finden. Allein 
es hätte vielleicht auch eine andere Disposition getroffen werden dürfen. 
Darin zeigt sich, dass in der hohen Architektur eine sehr grosse Frei- 
heit des künstlerischen Beliebens in der Anordnung und Gruppierung 
der Räume besteht und zwar infolge der ästhetischen Unbestimmtheit 
des äusseren Zweckes, wenn freilich keine absolute. Ein Haus kann 
da. sein zur Wohnung oder zur Aufbewahrung von Gegenständen, ohne 
dass dadurch eine verschiedene organische Gestaltung desselben be- 
dingt würde; ebensogut kann ein Wohnhaus von wesentlich gleichem 
Zwecke wie ein anderes eine von diesem sehr verschiedene Gestalt 
annehmen.  
Aus dem beschriebenen Sachverhalt ergiebt sich eine Kluft zwischen 
zwei Gruppen der künstlerisch gestalteten Artefakte, obgleich begrifflich 
nur ein sich im umgekehrten Verhältnis bewegender Gradunterschied 
der Bedeutung des äusseren und inneren Zweckes in Frage kommt. 
Auf der einen Seite steht die Architektur im engeren Sinn, welche, 
ästhetisch ziemlich unabhängig vom äusseren Zweck, individuell aus 
sich selbst bestimmte Organismen vielfach nach subjektivem Belieben 
hervorbringt, indem sie sich hauptsächlich zu richten hat auf formelle 
Schönheit in der Kombination der Räume und Raumkörper, sowie 
natürlich auf eine stilgerechte Anwendung der statischen Organe und 
ihrer durch den inneren Zweck bedingten Formen. Auf der anderen 
Seite steht das sogenannte Kunsthandwerk, bei dessen Erzeugnissen 
ein erheblich Weniger freies Schalten der künstlerischen Absicht statt- 
findet, indem die Form schon von vornherein enge an die vorausge- 
setzte Verwendung geknüpft ist. 1) Nun ist freilich dieser Zweck hier 
I) Seit dem lhatiptsächlich von Semper inaugtlrierten Aufschwung des Kunst- 
handwerks ist eine Auffassung immer mehr bestärkt worden, welche mit dem dar- 
gelegten Verhältnis in Widerspruch zu stehen scheint: dass nämlich zwischen dein. 
Kunsthandwerk und einer "hohen" Architektur überhaupt nicht unterschieden werden 
dürfe. Vergl. G. Hirth a. a. O.  28; Semper a. a. O. S. VII, Anmerkung. Das 
ist in dem Sinne, dass auch das Kunsthandwerk als eine hohe Kunst nicht nur auf- 
gefasst und gehandhabt, sondern auch vom Publikum gewürdigt werden soll, gewiss 
richtig. Denn in der That ist, um ein schönes Gefäss zu eründen, gerade so grosse
        

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