Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376593
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DIE 
ARCHITEKTUR. 
auch bei- der künstlerischen Gestaltung des Hauses in allen Fällen zu 
Grunde liegen; er ist äusserer Zweck, Gebrauchszweck. Wenn der- 
selbe aber erreicht werden soll, so spielt naturgemäss die Erhöhung 
einer Schutzdecke auf Stützen die Hauptrolle, ob nun noch ein seit- 
licher Abschluss in Frage kommt, oder nicht. I) Die Höhle hat mit 
dem Prinzip des Wölbens gar nichts zu schaffen. Wenn man ihr 
also irgendwelche architektonische Bedeutung beimessen will, so muss 
man dieselbe gleichfalls in den zur Verhinderung des Einsturzes allen- 
falls errichteten Stützen suchen. Daher bilden lraggn, Lasten und 
Äarunähvlriäsä in allen Fällen dLeuQrundfunktionen der Bestand- 
lteile der Architekturwerke, und eine andere organische Gliederung als 
nach diesen uns in ihrer Besonderheit fassbaren Thätigkeiten lässt 
sich nicht denken. 
Damit haben wir die platonische oder die Gattungsidee des 
Hauses aufgezeigt, welche in jedem Falle vorliegt und auf 
den allgemeinen äusseren und den allgemeinen inneren 
Zweck zugleich begründet ist. Keine Dialektik der Welt kann 
darüber hinweghelfen, dass ein Baustil, welcher die Sonderung der 
__Funkti0nen der Bestandteile des Hauses nicht vornimmt, die Idee nicht 
vollkommen ausdrückt. Darum steht jedoch nichts im Wege, die 
Wand, an welcher die Funktionen des Stützens und Raumschliessens 
in der Erscheinung nicht getrennt sind, ästhetisch zu verwenden; denn 
man kann einerseits noch auf mancherlei andere Weise ästhetisch 
wirken, und andererseits hat die Wand, wie uns wohlbekannt ist, einen 
genügenden Überschuss an Tragkraft im Verhältnis zu der Last ihrer 
eigenen Bestandteile, dass sie neben der Aufgabe des Raumabschlusses 
noch diejenige einer Stütze sehr wohl erfüllen kann. Sie verbleibt 
dabei zwar für sich selbst in ihrer Indifferenz; aber sie offenbart ihre 
Natur als Stütze allemal da, wo sie als solche fungiert. Dies ist der 
I) WVenn Gottfried Semper (a. a. O. I, S 62 a. A.) den seitlichen Abschluss des 
,home" als die Hauptsache hinstellt, so ist dies unnatürlich und lediglich auf seine 
Neigung zur Überschätzung der textilen Kunst zurückzuführen. Es bedarf ja doch 
getragener Horizontalball-zen zum Aufhängen von Seitenteppichen. Man muss viel- 
mehr Karl Bötticher Recht geben, welcher (in seiner "Tektonik der Hellenen", 
2. Aufl, Berlin 1874, I, S 3, S. I4) sagt: „Wenn jede Bauweise, ohne Frage, erst 
mit bedeckten Räumlichkeiten beginnt, lässt sich die blosse Umfriedung von Räumen 
durch kontinuierliche Wände noch keine Bauweise, geschweige denn ein besonderes 
Bausystem nennen: am wenigsten ist ein statisches Kriterion in diesen umschliessen- 
den Wänden zu suchen, da sie bloss als solche keiner statischen Gliederung be- 
dürfen. Beginnt aber das Bausystem erst mit der Deckung von wandumsclilossenen 
Räumen, dann fällt auch natürlich das entscheidende Wahrzeichen des Systems in 
diese Raumdecke."
        

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