Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376517
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SCHLUSS  
von Äusserlichkeiten überwuchert wurde. Aber sollte letzteres nicht 
vielmehr seinerseits eine Folge, als die Ursache gewesen sein? Die 
Sinnesrichtung der Nation gehörte einseitig und ganz überwiegend den 
bildenden Künsten, und vor allem fehlte ihr das Durchschnittsmass 
von ethischer Tiefe, welches die notwendige Voraussetzung einer Blüte 
des Dramas ist. Warum sollte aber nicht noch einmal ein Volk alle 
Erscheinungsformen des Schönen gleichzeitig zu entwickeln befähigt 
sein, wie es bei den Griechen der Fall war? Moritz Carriere sagt 
(Ästhetik II, S. 488) bezüglich des Gesamtkunstwerks: „Das Kunst- 
werk der Zukunft wird nicht die ursprünglich ungeschiedene Einheit, 
sondern das Zusammenwirken der für sich selbständigen Künste sein, 
deren jede die gemeinsamen Ideen auf eigene Weise offenbart. So 
war auch das ganze Perikleische Athen Ein grosses Kunstwerk." Für- 
wahrf ein herrliches Ziel; möchte uns beschieden sein, es zu erreichen. 
Aber Carriere vergisst, dass hiezu alle Kunsterscheinungen gehören, 
welche möglichßsind, also auch die möglichen Kombinationen. Sollte 
nicht in den grossen Kunstwerken, welche aus dem Aufschwung der 
Nation als ein eigenstes Denkmal desselben geboren sind, eine weit- 
gehende Verwirklichung jenes Gedankens gefunden werden müssen? 
Drama und Musikdrama könnten indessen sehr wohl nebeneinander 
blühen. Aber man mache sich auch einmal die XVirkung eines um- 
gekehrten Verhältnisses der Kunstarten klar: ist es glaubhaft, dass 
der Maler, vor allem der Historienmaler, durch den gewohnten An- 
blick einer malerisch vernachlässigten, hässlichen Erscheinung der 
Bühnenbilder nicht beeinflusst würde, oder ist es nicht vielmehr bei 
einer gleichzeitigen Blüte der dramatischen Kunst und der Malerei 
natürlich und sogar erfordert, dass die Erscheinung des Dramas_den 
Gesetzen der anderen Kunst folgen muss, insoweit sie deren Geltungs- 
bereich berührt? Wenn letzteres aber der Fall ist, dann folgt daraus, 
dass genau an dem Punkt, wo die grösste Gefahr einer gegenseitigen 
Vermischung und Beeinträchtigung zu bestehen scheint, die höchste 
gemeinsame Blüte aller Künste zu suchen ist. Darum handelt es sich, 
dass wir jene verhindern ohne dem Fortschritt zu dieser ungerecht- 
fertigt Hemmnisse zu bereiten.
        

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