Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376431
158 
III. 
DIE 
VERBINDUNG 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNSTARTEN. 
dass der dramatische Vorgang mitunter keinen vollwertigen Stoff für 
eine Musik bietet, welche auf die Darstellung des konkreten Empfin- 
dungsgehaltes ausgeht. Indessen scheint mir die dramatische Musik die 
volle Elastizität zu besitzen, um, wie wir es beim Lied gezeigt haben, auf 
eine allgemeinere Melodie zurückzugeben. Diese Schwierigkeit ist 
naturgemäss allen Musikdramen mit durchgehender Musikbegleitung 
gemeinsam; ich sehe gerade das Verdienst der Wagnefschen Stilform 
darin, dass sie dieselbe am meisten, ja vollständig überwunden hat. 
Bei Mozart traten aus der gleichen Veranlassung neben grossartige 
dramatische Leistungen in umfangreichem Masse formal-thema- 
tische Musikstücke, Welche notwendig ein unklares Hin- und Her- 
schwanken des Hörers zwischen musikalischem und dramatischem 
Genuss veranlassen müssen. Die Mischoper, in der das gesprochene 
und das gesungene Wort abwechseln, ist von vornherein besser daran. 
Was Marx (vergl. dessen "Beethoven" I, S. 318 Anm.) von derselben 
sagt: sie sei „Halbheit und ein grundsatzloses Unding; das Idiom der 
wahren Oper sei Musik; wenn einmal die Sprache der Wesen, die vor 
uns auf der Opernbühne leben, Musik sei, so möge kein gesprochenes 
Wort uns aus dem phantastischen Traume erwecken, wir würden sonst 
allen Glauben verlieren"  ist nicht zutreffend. Eine Gliederung, in 
gesprochene und gesungene Reden, wäre sehr wohl zulässig, wenn sie 
nicht prinziplos, sondern systematisch geordnet auftreten würde. Allein 
das ist eine stark negative Stilform, welche wir als solche abgelehnt 
haben. I) 
I) Ein berühmter Geschichtsschreiber der bildenden Künste hat neulich R.Wa.g- 
ner mit Bernini verglichen. Solche Vergleiche sind immer misslich. Der vorliegende 
beweist für mich nur die sehr architektonische Richtung jenes Gelehrten. Wagner 
hat keine Symphoniemusik gemacht, sondern Musik zum Drama; er muss allein auf 
diesem Gebiete beurteilt werden. Im Übrigen würde ich den Vergleich mit Michel- 
angelo vorziehen, der letztere würde etwas Ähnliches, wie Lübke beabsichtigt, ent- 
halten und im Ganzen zutreKender sein. 
Bemerkenswert ist, dass die Musik gerade damals ihre grösste Ausbildung er- 
fuhr, als in der Architektur durch den Rococosti] das ideelle Moment in den Hinter- 
grund gedrängt wurde. Auf diesem Boden erwuchs die Blüte der formellen Musik, 
sie gehört ihrem innersten Wesen nach in die Zeit jenes Baustils. Die Mozart. 
Beethovemsche, die Schubert-Schumanrfsche ideelle Musik fallt in eine spätere Periode; 
es besteht kein Streit darüber, dass diese Musik die höhere ist. Für Lübke war 
gerade die verschärfte Betonung des ideellen Moments der Musik durch NVagner der 
Anlass zu seinem Vergleich desselben mit Bernini; und doch missbilligt er Bernini 
deshalb, weil dieser den Rococostil in Skulptur und Architektur anbahnte. Die 
Erklärung des scheinbaren Widerspruchs liegt darin, dass Lübke in der wesent-
        

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