Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376408
DIE 
VERBINDUNG 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNSTARTEN. 
155 
Die strophische Gebundenheit wird man, als „Liedstil", im Lied 
stets beizubehalten geneigt sein. Kann man aber dasselbe auch von 
der Musik zum Drama verlangen? Die alte Oper lässt sich als eine 
Aneinanderreihung von liedartigen Bestandteilen auffassen. Allein ich 
finde keinen inneren Grund, aus welchem diese Anordnung beibehalten 
werden müsste. Die angebliche organische Einheit der Musikstücke 
aber kann ja neben der Einheit eines Gedankengangs gar nicht zum 
Gegenstand wirklicher Betrachtung gemacht werden, wie wir von vorn- 
herein dargethan haben. 
Von diesem Gesichtspunkt aus, auf welchem wir freilich der Musik 
nicht die erste Stelle unter den im Gesamtkunstwerk auftretenden 
Künsten einräumen, erscheint das Vorgehen R. XVagners als voll be- 
rechtigt. Die "musikalische Gestaltung" im Sinne organischer Einheit 
ist bei ihm zurückgetreten; diejenige musikalische Gestaltung, welche 
auch von der begleitenden Musik immerhin gefordert werden muss, 
fehlt selbst seinen vorgeschrittensten Werken keineswegs. 
zuwenden, geht das allgemeine Gefühl der ersten Verse beinahe ganz verloren, und 
darauf begründet sich ein ebenso weitgehendes Aufgeben der ursprünglichen Melodie. 
Und nun tritt unserer gespannten Erwartung in einer überaus glänzenden Klangfigur 
die Basis des Gefühlsinhalts der folgenden Strophe, das Duften und Leuchten der 
Gangeslandschaft, entgegen. Diesem Gefühl, welches sich in einem hinschmachten- 
den Melos der Singstimme auslebt, tritt sodann schroff das drollige Gepolter gegen- 
über, in welchem das Gebahren der Lappländei" versinnlicht wird. Dasselbe steigert 
sich schliesslich in der Singstimme zur musikalischen Nachahmung des Geschreis, 
während sich im Bass gleichzeitig ein gewisses fröhliches Gegrunze erkennen 
lässt. Der Gesamtmelodie steht diese Strophe wieder näher und leitet so zu deren 
vollständiger Wiederaufnahme in einem Zwischenspiel hinüber, welches der in 
der Schlussstrophe ("die Mädchen lauschten ernsthaft etc.") zurückkehrenden 
Dämmerungsstiminung präludiert. Der Schluss ist blosses Verklingen.  Dass 
dasselbe Lied noch einmal komponiert, d. h. dass derselbe Gefühlsinhalt auch in 
einem anderen formell-musikalischen Gebilde niedergelegt werden könnte, wird 
zwar angenommen werden dürfen; um die Idee zu erreichen, müsste sich jedoch 
alles das, was wir beschrieben haben, genau ebenso verhalten  Wonach wenig 
genug zu verändern bliebe. Wiederkehrende Strophenmelodien ohne Gefühlszusam- 
menhang mit dem Gedicht (und also unendlich viele solche) könnten wohl auch zur 
Verwendung gelangen; VOII "musikalischen Ideen" zu reden wäre jedoch in einem 
derartigen Fall, bei der unendlich viel höheren Stellung, welche die absolut zutreffende 
Nachahmung, die Idee des Gegenstandes, einnimmt, beinahe absurd. Dass das, was 
wir beschrieben haben, keine echte Musik sei, dürfte zu beweisen schwerfallen. Aus 
dem beschriebenen Lied ergiebt sich ferner mit zwingender Deutlichkeit, dass die 
Behauptung, aller Gefühlsinhalt der Musik existiere nur durch den Vortrag, eine 
nichtige ist. Er kann nur durch letzteren zerstört oder verstümmelt oder nicht er- 
reicht werden. Der Tondichter aber fixiert auch den Vortrag durch Vorzeichnungen, 
soweit es ihm möglich ist; der letztere wird aus dem Inhalt der Tondichtung selbst 
mit objektiver Notwendigkeit hervorgehen.
        

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