Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376397
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DIE 
VEREIN D UN G 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNSTARTEN. 
wo es andererseits einen allgemeinen Gefühlsinhalt und wo es einen 
besonderen momentan aufnimmt, worauf im einzelnen Fall die Ge- 
fühlserregung durch die Melodie oder ihre Modifikationen beruht, 
das wird sich sehr häufig einer klaren Beschreibung entziehen. Man 
muss dabei stets davon ausgehen, dass, thatsächlich, auch eine bloss 
formale Melodie mit der Rede verbunden werden kann und dass die 
erstere in Momenten, wo die letztere keinen musikalischen 
Stoff bietet, als das Netz des lyrischen Einschlags die Lücke 
formell musikalisch ausfüllen wird. Zwischen den in Betracht 
kommenden beiden Arten der musikalischen Dichtung, dem blgssen 
Parallellaufen von Rede (Strophe) und Musik und der inneren Ver- 
bindung beider durch Empfindung, sind beliebige Varianten möglich. 
Um sich das Verhältnis klar zu machen, benütze man irgend ein 
strOphiSCh weniger strenges Lied und suche die Punkte auf, wo die 
besondere Empfindung in die gefühlsfreie oder allgemein gestimmte 
Melodie modinzierend eintritt. Man. bemerke dabei noch, dass oft 
schon die blosse Veränderung auf das Eintreten eines neuen Moments 
hindeutet, welches an sich vielleicht eines musikalischen Ausdrucks 
nicht fähig ist. 1) 
I) Um dem Beispiel Hanslicks ein solches aus dem Gebiete der nachahmen- 
den Musik gegenüberzustellen, sei das Lied „Abends am Strand" von Schumann 
gewählt. 
_Ein Präludium von vier Takten stellt die musikalische Basis des Liedes dar, 
welche den allgemeinen Gefühlsinhalt desselben: "Wir sassen am Fischerhause und 
schauten nach der See  in Wogenschwellen und Abenddämmerung zur Darstellung 
bringt. Mit dem Durchbrechen der Bemerkung eines besonderen Vorgangs („Die 
Abendnebel kamen und stiegen in die Höh") muss in dieses Thema eine Modifika- 
tion eintreten. Aber die Basis dominiert noch. Erst wenn die Lichter im Leucht- 
thurm angesteckt werden, zieht dieser Vorgang des allmählichen Aufflammens unsere 
Blicke stärker auf sich, worauf wir wieder in das allgemeine Däxnmern der Grund- 
melodie zurückversinken. Dass wir durch die Musik allein die Verstellung des 
Aufflammens von Lichtern erhalten sollten, ist freilich undenkbar; aber hier ist sie 
durch den Text sichergestellt. Ein in der Ferne auftauchendes Schiff weckt hierauf 
die Erinnerung an Sturm und Schiffbruch, deren Empiindungsgehalt der Tondichter 
in abgerissenen Stössen in die Melodie einführt. Die letztere wird durch mitunter- 
laufende Wiederholung der rhythmischen Figur des Themas in ihrem Zusammenhang 
festgehalten und im breiten Abgesang dieser Doppelstrophe („Wir sprachen von 
fernen Küsten  seltsamen Sitten dort") wieder deutlicher aufgenommen. Der Ab- 
gesang schliesst aber nicht, sondern drückt in einer aufwärtssteigenden Wendung 
des Melos den Hinweis auf eine nähere Schilderung der fernen Länder aus, welcher 
Hinweis in der Redeschrift durch das Zeichen des Doppelpunktes angedeutet wird. 
In einem Zwischenspiel setzt sich dieser Aufstieg bis dahin fort, wo das Präludium 
der Schilderung selbst eintritt. Weil wir nunmehr der letzteren alle Aufmerksamkeit
        

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