Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376384
DIE 
VERBINDUNG 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNSTARTEN- 
153 
Form ist diejenige, wo eine abgeschlossene Melodie sich ohne jede 
Rücksicht auf Empfindungsgehalt mit einer abgeschlossenen Wortstrophe 
deckt. Denn die Musik kann als bloss formales Spiel mit der 
Ausdehnung, dem Rhythmus und den Cäsuren der Strophe in Auf- 
gesang und Abgesang zusammentreffen und mit dieser zugleich ge- 
nossen werden. Die Rede selbst wird gesungen. Die Entstehung 
und Volkstümlichkeit dieser primitiven Form des Liedes wäre erklär- 
lich, schon wenn nur der aus der Verbindung von Wort und Musik 
für das Gedächtnis erwachsende Vorteil in Betracht käme: so lässt 
man die Kinder sich das Einmaleins und andere Pensa singend ein- 
prägen, und in ähnlicher Weise sangen die Griechen gemäss dem 
Zeugnis des Aristoteles (Probl. I9, 28) die Gesetze vor und auch noch 
nach Erfindung der Schrift. 1) Dazu kommt der Vorteil, dass durch 
Singen mehrere Personen zugleich dieselbe Rede in ästhetisch erträg- 
licher Form vortragen können. Hier wirkt aber schon der Wunsch, 
ein gemeinsames Gefühl gemeinsam auszusprechen. So wird denn 
auch wohl überhaupt erst diejenige Verfassung des Liedes als der 
in ihm zu verwirklichenden Absicht entsprechend angesehen werden 
dürfen, bei welcher wenigstens der allgemeine Gefühlsinhalt des Ge- 
dichts, etwa die Trauer, in Harmonie und Rhythmus zum Ausdruck 
gelangt, welche für alle Strophen jetzt noch gleich ist. Es bedarf 
kaum des Hinweises, dass das Volkslied neben bloss formalen, lyrisch 
wertlosen auch wunderbar ergreifende Melodien dieser letzteren Art 
in grosser Anzahl geschaffen hat. Bei Schubert, der sich in seinen 
hervorragenderen Schöpfungen auf die höchste Stufe des Liedstils er- 
hebt, finden sich noch viele Tondichtungen dieser Art. Von dort 
schreitet der musikalische Ausdruck zur Wiedergabe des konkreten 
Inhalts durch Modifikationen der Strophenmelodie, zuerst in einfacheren 
Formen, indem etwa, wenn die Wortstrophe mit einer Frage schliesst, 
statt des Falls auf den Grundton ein Steigen in die Terz beliebt wird. 
Aussolchen kleinen Anfängen entwickelt sich ein freierer Ausdruck 
des Gefühlsinhalts in vielfachen Modulationen der Strophe, bis das 
Lied endlich zu höchster dramatisch-lyrischer Freiheit bei Aufhebung 
der strophischen Wiederkehr gelangt. Statt der Tonarabeske haben 
wir nun gewissermassen eine Stickerei mit Bildern, welche in ein ge- 
meinsames Netz eingewebt sind. 
Wie weit aber nun einerseits das formale Spiel für sich besteht, 
I) Vcrgl. 
G. Weiss, 
c. Lang, "Überblick 
1872. 
über 
altgriechische 
Harmonik", 
Heidelberg
        

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