Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376379
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DIE 
VERBINDUNG 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNSTAR TEN  
unfassbaren, möglicherweise freilich noch sinnlich angenehmen Geräusch 
herabsinken würde, da sie ja einem geistigen Inhalt verhältnismässig 
wenig zugänglich ist. Insofern erkennen wir für die reine Musik die 
Forderung einer formellen Ordnung des gebotenen Ganzen als berech- 
tigt an. Wenn das musikalische Gebild sodann zum Träger eines 
Gefühlsinhalts gemacht wird  und ohne einen solchen scheint sie 
uns auf der anderen Seite als geringwertig  so treffen wir im Re- 
sultat, bezüglich jenes Gleichgewichts von Inhalt und Form, allerdings 
mit Köstlin zusammen. 1)  
Daher bildet in der Symphonie ein kOmplizierteg fQr- 
melles Gebilde das notwendige Rückgrat des etwa aus- 
gesprochenen Gefühlsinhalts.  
Die verschiedenen Typen des Zusammentretens von Rede und 
Musik lassen sich am besten am Lied entwickeln. Die primitivste 
1) Die einzige bedingungslos zwingende Eigenschaft des musikalischen Mate- 
rials sind die physiologischen Gesetze des Wohllauts der Hannonienentivickelung: 
Die Musik trägt selbst so wenig Formbedingendes in sich, dass der Zusammenhang 
ihrer selbständigen Werke nur bestehen kann in der Wiederkehr und Transformation 
einer Melodie. So wird dem geistigen Bedürfnis eines Zusammenhangs durch blosse 
Formen einigermassen Genüge geleistet. In ähnlicher Weise wusste der Rococo- 
stil auch auf die Charakterlosigkeit des Stucks noch eine Ornamentik zu begründen, 
indem er in die an und für sich willkürlichen Lineamente einen bloss formellen 
Zusammenhang brachte. Aber derselbe reicht nicht weit. 
Ich halte an dieser Stelle für beachtenswert, was Marx (vergl. dessen „G1uck 
und die Oper" 1863, II, S. 336) einer von Jahn ausgesprochenen Auffassung ent- 
gegenhält. Jahn hatte gesagt, Mozart habe Glücks einseitiger Forderung der drama- 
tischen Charakteristik gegenüber das "Prinzip der musikalischen Gestaltung" zur 
Geltung gebracht, welches als das höhere jene einschliesse. Marx dagegen Spricht 
sich dahin aus: „'Wir möchten das Prinzip der musikalischen Gestaltung nicht das 
höhere, sondern das allgemeine und unbedingt für jede Kunstrichtung notwendige 
nennen. Es versteht und erkennt _sich, dass auch Gluck "musikalisch gestaltet" hat. 
__."Ohne musikalische Gestaltung giebt es überhaupt keine Musik, wie es im Sprach- 
gebiet ohne Zusammenhang der Worte keine Rede giebt." Mir scheint, die beiden 
Gelehrten sind nicht einig darüber, was sie unter "musikalischer Gestaltung" ver- 
stehen; diejenige, welche Jahn meint, welche Hanslick als einzigen Inhalt der Musik 
und welche Köstlin als Form im Gegensatz zu Inhalt bezeichnet, ist von Mozart 
gewiss stärker betont worden, sodass Jahn wenigstens in der Charakteristik des Ver- 
hältnisses zwischen Mozart und Gluck recht hat. Ob aber Mozart oder Gluck recht 
hatte, das ist damit nicht entschieden, nämlich die Frage, ob im Drama. schon die 
musikalische Gestaltung Glucks ausreicht oder vielleicht derjenigen Mozarts vorge- 
zogen werden muss. 
Ich muss jedoch gestehen, dass mir der Unterschied der beiden Richtungen, 
was die genannten Meister betrifft, weit mehr als ein bloss theoretischer, denn als 
ein wirklich praktischer erscheint.
        

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