Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376289
III. 
DIE 
VERBINDUNG 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNS TARTEN. 
143 
Es käme nicht viel darauf an, wenn man mir in der letzten 
Ausführung nicht beipflichten wollte: wenn nur noch ein anderer 
ästhetischer Genuss der Musikstücke möglich ist, als die Verfolgung 
der Merkmale ihrer zeitlichen Einheit. Ein anderer formell-ästhetischer 
Genuss ist aber noch möglich im Anhören der rhythmisch und 
wohllautend fortschreitenden Tongebilde. Dabei wird keine 
Zusammenfassung des Musikwerkes zur Einheit beansprucht. Einheits- 
momente werden dabei auch gefühlt, aber erst im Augenblick ihres 
Auftretens und ohne dass ein Zusammenhang auf weite Strecken da- 
durch hergestellt werden könnte. Dieses Schöne der Melodie lässt 
sich aber ohne Zweifel auch geniessen, während wir dem Zu- 
sammenhang von Gedanken folgen, welche in Worten aus- 
gedrückt sind. Die sinnliche Erscheinung und der Gedankengang 
beeinträchtigen sich gegenseitig erfahrungsgemäss nicht, sondern werden 
nebeneinander perzipiert; sonst könnte auch die dichterische Form 
nicht gleichzeitig mit dem Inhalt der Gedichte genossen werden. Da- 
rauf also beruht die Möglichkeit des ästhetischen Genusses einer 
Verbindung von Musik und Rede; sie ist allein dadurch gegeben, 
dass es auf eine etwaige Einheit der Musikstücke gar nicht ankommt, 
und eine andere Möglichkeit der Verbindung giebt es nicht. 
Wir fordern nun aber weiterhin auch einen genügenden Anlass 
zur Verbindung der Musik mit der Rede, speziell mit dem Drama, 
und ein solcher scheint auf den ersten Blick gar nicht gegeben zu 
sein. Indessen bildet die Musik zweifellos eine sinnlich formale 
Zierde, deren Anwendung im Drama sich dadurch rechtfertigt, dass 
sie die dramatische Begebenheit stilisiert bezw. mit einem negativen 
Moment begabt. Der letztere Zweck wird ein für allemal vorliegen 
müssen, wenn die Musik in das Drama eingeführt werden soll, denn 
sie erzielt jenen Effekt unter allen Umständen. Das Drama stellt 
handelnde und redende Personen in der Absicht auf vollständige 
Realisierung einer Begebenheit auf die Bühne. Wenn also diese Per- 
sonen singen, statt zu reden, und der objektive Vorgang von Musik 
begleitet wird, so ist dies offenbar widernatürlich: die Musik wirkt im 
können, die niedrigste Stufe der Kunst einnehmen würde. Für uns liegt der wich- 
tigste Unterschied zwischen Architektur und Musik vornehmlich darin, dass erstere 
so gut wie nicht nachahmt, während letztere, wie wir im Text darthun werden, in 
eigentümlicher Weise derart thätig sein kann. Diese unmittelbar nachahmende Thä- 
tigkeit aber, welche das menschliche Eznpündungsleben zum Gegenstand hat, bildet 
eine Aufgabe der Musik von grösster ideeller Bedeutung, welche allein einen 
hohen Rang unter den Künsten für sie bedingt.
        

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