Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376273
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DIE 
VERBINDUNG 
DER 
MUSIK 
MIT 
ANDEREN 
KUNSTARTEN. 
gesims in der Architektur. 
fznden des Komponisten?) 
Allein 
kann 
eintreten 
nach 
dem 
Gut- 
 I) Es dürfte an dieser Stelle angezeigt sein, die angebliche ästhetische Gleich- 
artigkeit der Musik mit der Architektur einer Prüfung zu unterziehen. 
Schelling nannte die Architektur „Musik im Raum" (SämmtLWerke V, S. 576). 
Schopenhauer meint (a. a. O. II, S. 5x9), diese Identifizierung stamme von Goethe; 
wenigstens findet sich in Eckermanns "Gesprächen mit Goethe" eine Stelle (Bd. II, 
S. 88), wo letzterer sagt, es "habe etwas", dass er einmal „die Baukunst erstarrte 
Musik genannt habe." Aus seiner Ausdrucksweise ergiebt sich jedoch, dass er hier, 
wie überhaupt meistens in aestheticis, nur eine Bemerkung machte, für welche er die 
Eigenschaft eines gründlichen Urteils selbst nicht in Anspruch nahm. Am bekann- 
testen ist vielleicht der Ausspruch Fr. Schlegels geworden, dass die Musik "flüs- 
sige Architektur" und die Architektur „gefrorene Musik" sei. Nun, diese blendende 
Antithese hat genau denselben Wert wie jene, welche den Ausgangspunkt des Lessing- 
schen Laokoon bildete: ihr "wahrer Teil ist so einleuchtend, dass man das Unbe- 
stimmte und Falsche, welches sie mit sich führet, übersehen zu müssen glaubet." 
Denn die Architektur hat es keineswegs bloss zu thun mit Formen; sie hat einen 
Inhalt von geistiger Bedeutung, welchen die Musik gar nicht haben kann: den 
Zweck. Durch diesen allein werden ihre Gebilde zum wahren ästhetischen Orga- 
nismus, während dieselben in der realen Materie ein natürlicher Organismus in allen 
Fällen sind. Und wenn man selbst die Möglichkeit des Bestehens eines blos for- 
malen Organismus behaupten und diese Eigenschaft für die Werke der Musik in 
Anspruch nehmen wollte, so wäre doch unbestreitbar der ideelle Organismus der 
Architektur ein höherer; auch muss die Anschauung desselben in dieser dreidimen- 
sional räumlichen Kunst eine ganz andere Bedeutung haben, als in jener zeitlichen 
bei der Dürftigkeit ihrer Einheitsmomente möglich ist. Die Meisterschaft, welche 
sich aus der technischen Bewältigung des Materials einer Kunst bemisst, ist natürlich 
bei der Komposition einer Symphonie ganz dieselbe wie bei der Komposition eines 
Gebäudes; und beiderseits ist sie gleich bewunderungswürdig. Allein dort haben 
wir ein zweckbewusstes Zusammenwirken aller bildenden Künste, deren Strateg der 
Architekt ist, hier, nach Hanslick, das öde Spiel einer Arabeske. 
Die Auffassung Schellings und Schlegels ist denn auch von verschiedenen Seiten 
bekämpft worden. So von v. Hartmann a. a. O., S. 462 ff. Er sagt treffend: 
"Wenn ein schönes Gebäude in der That nichts anderes "als ein nicht in der Zeit, 
sondern in der Raumfolge aufgefasstes (simultanes) Konzert von Harmonie ist," so 
ist es eben darum keine Musik, weil es  keine harmonische Musik ohne Melodie 
und Rhythmus geben kann; ferner ist übersehen, dass die harmonischen Raumver. 
hältnisse der Architektur durch das Augenmass konstatiert werden, während die 
harmonischen Schwingungsverhältnisse der Töne auch nicht im entferntesten vom 
Ohr geschätzt werden können, d. h. in der Architektur werden die Verhältnisse als 
solche bewusst, in der Musik bleiben sie unbewusst. Die ganze Ähnlichkeit zwischen 
Architektur und Musik schrumpft also darauf zusammen, dass nachweisbare Zahlen- 
verhältnisse in beiden eine für die formale Schönheit massgebende Rolle spielen." 
Schopenhatier erklärte Musik und Architektur für durchaus verschieden, sogar 
für antipodisch; indessen hat er die Bedeutung der Musik sehr überschätzt. 
Man wird zugestehen müssen, dass die Musik, wenn sie nichts hervorbringen 
könnte, als Tonarabesken, Welche einen geistigen Gehalt schlechterdings nicht haben
        

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