Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376237
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DIE 
NACHAHMENDEN 
KÜNSTE. 
listischeren Haltung desselben hervorgehe, so liesse sich mit ziemlicher 
Genauigkeit eine Skala von gleichberechtigten Formen zwischen den 
beiden Endpunkten der prosaischen und der am meisten poetischen 
Form feststellen. Allein der eigentliche Zweck ist die Nachahmung 
des Gegenstandes und ein geringer Hinweis auf die Scheinnatur des 
Bildes genügt der hieraus iliessenden Anforderung schon vollständig; 
Lessing legte nicht blos kein Gewicht auf die poetische Sprache des 
Dramas, ja er hat sie sogar für schädlich bezeichnet. Die germani- 
schen Nationen scheinen ausserdem mehr auf den Inhalt zu sehen, als 
auf formelle Schönheiten. Der Gebrauch, Welchen Shakespeare von 
der dichterischen Sprache gemacht hat, wird daher für uns als die 
Grenze des Zulässigen zu bezeichnen sein, ja er überschreitet sie viel- 
leicht, wenn er zum Reime greift. Der Reim durchbricht die klassische 
Form entgegen dem Gesetz der Einheit des Stils. Die Stilisierung 
im 3. Akt der Maria Stuart geht für unsern Geschmack vielleicht zu 
weit und versetzt jedenfalls die naturalistische Gesamthaltung des 
Dramas mit dieser Erscheinung in einen gewissen Widerspruch. Wenn 
dagegen im modernen realistischen Drama, wie es für Lessing „Emilia 
Galotti" u. s. w., für Schiller „Die Räuber" und „Kabale und Liebe" 
waren, kein Gebrauch von ihr gemacht wird, so dürfte dies das Rich- 
tige sein. In derjenigendichterischen Leistung, welche durch allerhand 
pWendungen in einem reichen Spiel der Phantasie die Sprache über 
die alltägliche Redeweise erhebt, ist keine Stilisierung, sondern eine 
idealistische Thätigkeit, d. i. die Auswahl des Schöneren im Bereich 
des unter der Voraussetzung des gegebenen Gegenstands Möglichen, 
zu erblicken, welche der bildnerischen Schönheit in der Dekoration 
analog wirkt. Sie kann nur da eintreten, wo sie der Wahrheit und 
natürlichen Möglichkeit nicht widerspricht, und gehört also gleich- 
falls mehr in das idealistische Drama, als in das realistische. Die 
Überschätzung des Litterarischen aber bezeichnet ein Missverständnis, 
welches für die Auffassung des eigentlich Dramatischen ebenso ver- 
hängnisvoll werden kann und geworden ist, wie das übermässige Be- 
tonen der Bühnenerscheinung.
        

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