Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374880
EINLEITUNG. 
ahmung der Erscheinungen der Natur, zu welchem Zweck auch 
immer sie geschehen möge. Unstreitig sind landschaftliche, 
tierische, menschliche Körper, ferner _Handlungen der- 
selben und Begebenheiten, endlich Empfindungen, Welche 
letztere begleiten, Gegenstände der künstlerischen Darstellung. Die 
Empfindungen sind subjektiver Natur und bedürfen zur endgültigen 
Darstellung der lVlitempfindung des Geniessenden; darum ist aber die 
Darstellung der Empfindungen nicht minder nachahmend. 
Nicht alle Künste befassen sich jedoch mit der Nachahmung 
bestehender oder möglicher Erscheinungen, sondern es giebt auch 
solche, die Kunstwerke erzeugen, für welche ausserhalb der 
menschlichen Phantasie, in der Natur, keine Vorbilder be- 
stehen. Dies sind auf den ersten Blick die Architektur und die ihr 
verwandten technischen Künste, sowie die Musik. Gottfried Semper 
hat einmal (vergl. dessen "Stil" I, S. XXII) für diese Künste die Be- 
Zeichnung "kosmische Künste" gewählt. Der Name kennzeichnet sie 
insofern gut, als beide neue Weltgebilde erzeugen und dabei allgemeine 
Gesetze der Ordnung und Schönheit des Kosmos zum Ausdruck 
zu bringen scheinen. 
Damit haben wir eine Einteilung der Künste vollzogen, welche 
die philosophische Ästhetik unseres Jahrhunderts durchweg abgelehnt 
hat, indem sie die Thatsache der Nachahmung entweder leugnete oder 
doch wenigstens als eine völlig untergeordnete behandelte. Und doch 
war sie von Lessing als selbstverständlich angesehen I) und vorher über- 
haupt nicht bestritten worden. In der That ist die Kunst "nicht blosse 
Nachahmung der Natur, sondern sie ist schöpferisch durch die Bildung 
neuer Vorstellungen aus gegebenen Bestandteilen; sie folgt dabei einem 
Zweckmässigkeitsgefühl, dessen göttliche Abstammung mit Fug wird 
behauptet werden können, sowie einer sinnlichen Schönernpfindung, 
welche vielleicht dem ganzen Kosmos gemeinsam angehört, und sie legt 
ewige Gedanken in ihren Werken nieder. Aber wenn auch die nach- 
ahmende Kunst schöpferisch thätig ist oder es wenigstens sein kann, 
so ist Nachahmung doch stets ein unumgänglicher Bestandteil ihres 
Wesens, und ein einzelnes Kunstwerk kann sogar blosse Nachahmung und 
dabei schön sein. Die Kunstwerke sind daher, sofern sie nicht den 
kosmischen Künsten angehören, nach des Vitruv gesundem Aussprüche 2) 
ästhetische Erziehung 
ist mit dem Vermögen 
I) Im Laokoon. Schiller sagt in Brief 26 Über die 
des Menschen: "Das Vermögen zur nachahmenden Kunst 
zur Form gegeben" u. s. w. 
2) Vergl. Vitruv Buch III, Kap. 5. 
Ißk
        

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