Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
System der Künste
Person:
Alt, Theodor
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1374552
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1376202
DRAMA 
UND 
DICHTKUNST. 
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auf die Bühne zieht (z. B. am Schluss der Meistersinger), und dann 
ist es ohne Zweifel nur ein erhebendes Moment, kein erniedrigendes, 
 wenn diese Versammlung auch zu einem reichen und schönen Bild 
im Sinne der Malerei zusammentritt. Dieses Bild muss sich lediglich 
mit Rücksicht auf die Idealität der Handlung würdigen lassen, deren 
_ Realität es nirgends widersprechen darf, während hier in Wirklichkeit 
eine gesamtkünstlerische Leistung in Frage steht. 
Die Möglichkeit eines solchen Zusammenwirkens und deren 
Umfang haben wir im allgemeinen Teil festgestellt: es entsteht min- 
destens ein allgemeiner Eindruck von der Schönheit der räumlichen 
Erscheinung neben der klaren Vorstellung des Gedankengangs der 
Handlung, auch wenn wir jener keine spezielle Aufmerksamkeit wid- 
men, und zwar ein umso deutlicherer, je vollkommener nach jeder 
Seite hin die Genussfähigkeit des betrachtenden Individuums entwickelt 
ist. Wäre dies nicht der Fall, so könnten ja auch die im einheitlichen 
Gegenstand des Dramas realistisch begründeten schönen Bühnener- 
scheinungen für uns nicht zur Existenz gelangen, wenn nicht etwa 
Pausen in der Handlung, Aufzüge u. dergl, hierzu Gelegenheit böten. 
Allein die Möglichkeit, uns in das Bühnenbild zu vertiefen, wie wir 
es gegenüber einem Werk der bildenden Künste thun würden, fehlt 
uns. Eine solche Betrachtung würde, wennselbst sie, theoretisch ge- 
nommen, in einem einzigen Moment stattfinden kann, praktisch doch 
eine gewisse Dauer und eine umso grössere Hingabe an die räumliche 
Anschauungsform erfordern, jemehr das Schöne der bildenden Kunst 
für sich genossen sein will. 
Im sog. Ausstattungsstück geht die Absicht von vornherein 
auf Wirkung durch die räumliche Erscheinung. Der Wert der Hand- 
lung darf also höchstens in den sich aus derselben ergebenden Situa- 
tion gesucht werden, und im Ganzen genommen handelt es sich hier 
lediglich um Amusement, aber nicht um einen geistigen Genuss. Dies 
ist gewiss nicht an sich verwerflich; denn der höhere ästhetische Ge- 
nuss ist nicht jedesmal eine Erholung und dazu auch gar nicht da. 
Wer dagegen in der Kunst allemal nur Belustigung sucht, der verrät 
eine verkehrte Auffassung und niedrige Sinne5art_ Im besten Fall ist 
das Ausstattungsstück ein Cyklus von schönen (lebenden) Bildern; 
hier könnte ein relativ hoher und reiner ästhetischer Genuss stattfinden. 
In unserm Ballet pflegt dies jedoch nicht der Fall zu sein. I) 
I) Ich wüsste nicht, was sich über dieses Verhältnis besseres sagen liesse, als 
was Schön a. a. O. S. 11 u. ff. ausführt. Insbesondere stimme ich vollkommen da- 
mit überein, dass das "stehende Theater mit der daraus folgenden viel zu grossen
        

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